Hückeswagen: Brot und Politik stehen für die von Polheims

Hückeswagen : Brot und Politik stehen für die von Polheims

Eine Hückeswagener Institution feiert in diesem Jahr ein besonderes Jubiläum: Die Bäckerei von Polheim wird 175 Jahre alt. Ein Rückblick.

Sie sind Ur-Hückeswagener, und doch kommen die Vorfahren nicht aus dem Bergischen: "Die Familie von Polheim kann ihren Namen auf österreichischen Uradel zurückführen, der infolge des Übertritts zum Protestantismus während der Reformation die österreichische Heimat verlassen musste", heißt es in einem Beitrag des inzwischen verstorbenen ehemaligen BGV-Vorsitzenden Karl Reiniger Illgen für das "Leiw Heukeshoven" Nr. 37 von 1998.

Caspar Peter von Polheim, 1778 in Lennep geboren, gilt als Begründer der Bäckerfamilie, die im 18. Jahrhundert sechsmal den Lenneper Bürgermeister stellte. Wahrscheinlich wurde zu dieser Zeit schon das politische Gen an die nachfolgenden Generationen weitergegeben, denn in fast jeder befanden bzw. befinden sich politisch engagierte Familienmitglieder.

Am weitesten gebracht haben dürfte es Jörg von Polheim: Der Bäckermeister war bis Oktober vorigen Jahres rund 22 Monate Bundestagsabgeordneter der Freien Demokraten.

Der Sohn von Caspar Peter von Polheim und Anna Christina Hanshausen, Johann Peter, war es, der die Ära der Familienbäckerei in Hückeswagen begründete: Am 1. Oktober 1839 eröffnete er im Steinbergschen Haus an der Marktstraße, neben dem Hotel zur Krone, seine Bäckerei. Der Liebe wegen war er in die Schloss-Stadt gezogen, denn er heiratete am 19. Oktober des selben Jahres die Hückeswagenerin Augustina Heupel.

Illgen schrieb in seinem Beitrag für "Leiw Heukeshoven", dass das Paar einen guten geschäftlichen Erfolg gehabt haben muss, denn 1842 erwarb es das heutige Anwesen der Familie Kölner Straße 9. "Das Vorgängergebäude war durch einen Brand zerstört worden, und der Besitzer Franz Wolff hatte sich beim Wiederaufbau übernommen und musste verkaufen."

Auch Johann Peter von Polheim bewies politisches Geschick. Als in der Revolutionszeit 1848/49 eine aufgebrachte Menge kurz davor stand, sein Geschäft zu stürmen, beschwichtigte er sie mit den Worten: "Bei mir kostet das Brot nur siebeneinhalb Silbergroschen." Die Menge war beruhigt.

1869 kam eine Schankwirtschaft hinzu, so dass einige Vereine in dem kleinen Saal über dem Ladenlokal eine Heimstatt fanden. Vier Jahre später starb Johann Peter von Polheim im Alter von 65 Jahren; sein Sohn Alexander führte den Betrieb weiter. Er ließ einen Gasmotor installieren, der die Maschinen antrieb. "In seinem Handeln wurde seine soziale und liberale Haltung sichtbar, indem er der damals entstehenden Arbeiterbewegung (...) das Sälchen für Versammlungen zur Verfügung stellte", schrieb Illgen.

Nach Alexanders Tod 1895 führte seine Frau den Betrieb fort; im Ersten Weltkrieg ersetzten die drei Töchter Klara, Laura und Sophie die Männer in der Backstube, die eingezogen worden waren. Die Mutter war 1914 gestorben. Nach Kriegsende übernahmen die Brüder Carl und Hermann die Bäckerei. Dem Ehepaar Erna und Hermann von Polheim wurden die Kinder Leberecht (1926), Gerhard (1927) und Lore (1930) geboren. Leberecht von Polheim, Vater des jetzigen Inhabers Jörg von Polheim, übernahm 1958 die Bäckerei von seinem Vater.

30 Jahre später, nach Abschluss eines Ingenieurstudiums und der Meisterprüfung im Backhandwerk, führte Jörg von Polheim die Familientradition in fünfter Generation fort. Ob es auch eine sechste geben wird, die die Bäckerei von Polheim leiten wird, ist eher unwahrscheinlich. Denn von den vier Kindern von Jörg und Sabine von Polheim will niemand in die Backstube.

(RP)
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