Braucht Hückeswagen eine Gestaltungssatzung?

Kritik an neuen Gebäuden : Braucht Hückeswagen eine Gestaltungssatzung?

Johanna Biemann-Rohde kritisiert am Bürgermonitor unserer Redaktion die Neubauten im Zentrum. Auch in den sozialen Medien wird gefordert, dass mehr Wert auf eine bergische Bauweise gelegt wird.

Als in den 1990er Jahren am heutigen Bahnhofsplatz und an der Bahnhofstraße zwei Neubauten errichtet worden waren, war die Kritik groß – zu modern, zu wenig bergisch, und vor allem: Es fehlte der Schiefer. Seitdem Architekt Ralf Eversberg an der Alten Ladestraße, Bachstraße und unterhalb des Schlosses vier ähnliche Neubauten hochgezogen hat, hagelt es erneut Kritik. Johanna Biemann-Rohde gehört zu den Kritikern.


Die Kritik „Es wird Zeit, einmal eine Lanze für unsere historische Altstadt mit den schönen bergischen Häuschen zu brechen“, schreibt die Hückeswagenerin in ihrer Mail. Wenn sie die Bachstraße Richtung Innenstadt befahre, finde sie die unterschiedlichen Haustypen mit ihren Zierwerken, Gesimsen oder Schieferfassaden interessant. Doch seit Neuem stünden am Ende der Bachstraße moderne Kisten. „Kann man schön finden, muss man aber nicht“, meint Johanna Biemann-Rohde und fragt: „Warum muss der gesamte Baukörper eine so große Langweiligkeit mit einfachen großen seelenlosen Fensterlöchern ausstrahlen?“ Es gebe so viele schöne architektonische Möglichkeiten, wie Sprossenfenster, Schieferelemente oder Schlagladen-Imitationen, mit denen man an Gebäuden spielen könnte, um sie für die Betrachter harmonischer und annehmbarer zu machen. „Leider ist auch das ,Wohnen am Schloss’ ein Beispiel, wie es trauriger nicht geht“, schreibt die Anwohnerin von Dürhagen. Graue Farbfelder machten kein bergisches Haus aus. Besonders nicht für ein Städtchen, das mit seinem historischen Ortskern werbe. „Es wird in zwei Jahren genauso hässliche Grünbeläge an den Fassaden haben, wie das ein paar Jahre junge Gebäude am Etapler Platz. Der Dämmung sei Dank.“

Als gute Beispiele in Hückeswagen, wo Alt und Neu kombiniert wurden, nennt sie die Goethestraße und das Gebäude am Wilhelmplatz mit Tedi und Parfümerie. Dank Schieferfassade fiele das nicht ganz so unangenehm auf, auch wenn es nicht der schönste Baukörper sei. In niederländischen Städten mit ihren Gässchen und den geschmackvoll gestalteten kleinen Häuschen fügten sich sogar die Neubauten ins Ortsbild ein. „Wieso funktioniert das in Hückeswagen nicht?“, fragt Johanna Biemann-Rohde. Sie befürchtet: „In ein paar Jahren schon werden wir aufgrund des Dämmwahns viele Fachwerkhäuser verlieren, und die Ortsbilder werden sich ändern.“ Es wäre so schade, würde Hückeswagen sein bergisches Gesicht verliert. „Aber vielleicht ist das politisch so gewünscht.“


Der Bürgermeister Dietmar Persian hat eine klare Vorstellung: „Wenn man einen Neubau errichtet, darf man ihm ruhig ansehen, dass er aus einer bestimmten Zeit stammt.“ Als Beispiele nennt er die gelben Neubauten an der Bahnhofstraße und dem Bahnhofsplatz aus den 90ern. „Mir gefallen sie sehr gut, weil man erkennt, dass es moderne Neubauten sind.“ Viele Hückeswagener jedoch möchten Schiefer an den Häusern sehen. „Ich bin da anderer Meinung“, sagt der Bürgermeister. Heute werde nicht mehr verschiefert, sondern verputzt mit farbigem Anstrich.

Beim Bau der beiden gelben Gebäude aus den 1990er Jahren an Bahnhofsplatz (r.) und Bahnhofstraße gab es auch schon viel Kritik an der modernen Gestaltung. Und es wurde bemängelt, dass sie nicht ins Stadtbild passen würden. Foto: Stephan Büllesbach


Die Denkmalbereichssatzung Persian, der seit mehr als 40 Jahren bei der Stadtverwaltung arbeitet, hat bereits die Debatten in den 80ern erlebt. Die aktuelle Diskussion ist für ihn also nicht neu. „Damals haben wir uns gegen eine Gestaltungs- und für eine Denkmalbereichssatzung entschieden. Die umfasst die gesamte Altstadt“, berichtet er. Bei dieser Satzung soll der grundsätzliche Charakter der Stadt erhalten und ein Zeugnis der Geschichte bleiben. Alles, was in diesem Bereich passiert, bedarf einer Genehmigung Wenn also jemand einen Bauantrag stellt, wird der zwar vom Kreisbauamt beschieden, die Stadt als untere Denkmalbehörde nimmt dazu jedoch Stellung. „So haben wir etwa beim ,Wohnen am Schloss’ Einfluss auf die Fassaden-Gestaltung genommen“, versichert Persian. Statt beige, wie es dem Architekten vorschwebte, ist sie nun in verschiedenen Grautönen gestrichen worden. Persian: „Grau bestimmt den Stadtkern, und das sollte sich an den Wohnhäusern wiederfinden.“

Die Gestaltungssatzung Hierbei wird vorab konkret festgelegt, was erlaubt ist und was nicht. Etwa, dass Schlagläden immer einen bestimmten Grünton haben oder Werbeanlagen in maximal drei Metern Höhe angebracht sein dürfen. „Das wird alles ganz detailliert festgelegt“, erläutert Persian, der diese Art der Satzung nicht für sinnvoll erachtet: „Dann wären wir unflexibel und würden eine Käseglocke über die Altstadt legen.“ Die Verwaltung wolle natürlich den aktuellen Charakter der Altstadt bewahren, aber eben auch Möglichkeiten zur Entwicklung geben. Eine Gestaltungssatzung habe jedoch ein zu starres Korsett, dass möglicherweise Investoren abschrecken könnte.


Die Politik „Eine Gestaltungssatzung würde nach unserer Auffassung eher ein Hemmnis darstellen“, betont CDU-Fraktionschef Christian Schütte. Hückeswagen sollte Raum haben, das Alte zu bewahren, ohne das Neue zu verhindern. Auch die SPD hält eine Gestaltungssatzung für nicht zielführend. „Wenn man es richtig machen will, wird das ein bürokratisches Monster“, ist sich Fraktionschef Hans-Jürgen Grasemann sicher. „Wir werden uns mit der bestehenden Denkmalbereichssatzung befassen und diese auf neue Beine stellen.“ Das sei die deutlich flexiblere Variante, die einen großen Spielraum ermögliche.

Jörg von Polheim (FDP) verweist auf den Denkmalbereich der Altstadt, der vor mehr 35 Jahren festgelegt wurde, und die dazugehörige Satzung. „Durch das Denkmalschutzgesetz sind alle Gebäude im Denkmalbereich geschützt, was aber nicht den Verfall einiger Gebäude verhindern kann“, sagt er. Die Gestaltung und Größe der jetzt kritisierten Gebäude am ehemaligen Schlosshotel wurden im Bauausschuss 2012 beraten und genehmigt, „eine zusätzliche Satzung hätte das Ergebnis nicht verändert“. Eine weitere Satzung lehnen die Liberalen ab. Ähnlich sieht das Egbert Sabelek von den Grünen: „In der Altstadt gilt die Denkmalschutzsatzung, und für alle baulichen Anlagen gibt es ein umgebungsbezogenes ,Verunstaltungsverbot’. Daher brauchen wir keine zusätzliche Gestaltungssatzung.“ Sinnvoll wäre es jedoch, einen Schwerpunkt auf nachhaltiges Bauen zu legen – auf Bewahrung des Ökosystems und der Umwelt, den Nutzen für Mensch und Gesellschaft sowie auf Optimierung und Steigerung der ökonomischen Potenziale eines Gebäudes.

Auch die UWG will keine Gestaltungssatzung. „Die vorhandenen Regelungen müssen nur konsequent angewendet werden“, fordert Fraktionschef Michael Wolter. Eine zusätzliche neue Satzung würde die Eigentümer der Innenstadtimmobilien einschränken und womöglich neue Interessenten abschrecken. Wolter: „Wir wollen die Innenstadt beleben und keine zusätzlichen Hürden aufbauen.“ Lediglich die FaB macht sich für eine neue Bausatzung stark. Für die nächste Sitzung des Bauausschusses am Donnerstag, 14. November, hat sie einen entsprechenden Antrag eingereicht. Ziel ist es, „die bauhistorischen Gegebenheiten der Stadt aufzunehmen bzw. die neubaulichen Wünsche diesem bauhistorischen Stadtbild unterzuordnen“. In der Begründung schreibt Fraktionsvorsitzende Brigitte Thiel: „Die freien aktiven Bürger sehen mit Skepsis die städtebauliche Entwicklung in Hückeswagen.“

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