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Blaues Kreuz Hückeswagen: „Corona ist kein Grund zum Trinken“

Hückeswagener Blaues Kreuz : „Corona ist kein Grund zum Trinken“

Mit Mutmach-Botschaften unterstützt das Blaue Kreuz alle suchtgefährdeten Menschen beim Durchhalten. Die Treffen der Hückeswagener Ortsgruppe pausieren zwar, Gruppenleiter Siegfried Heinrich hat dennoch immer ein offenes Ohr.

Die Sonne genießen, den Grill anwerfen und dazu ein kühles Bier trinken. Eine für viele schöne Art, die frühlingshaften Temperaturen zu nutzen – nicht jedoch für Alkoholkranke. Langeweile und Einsamkeit im Lockdown sowie Sorgen und Ängste, die durch die Corona-Krise ausgelöst wurden, sind Gründe, warum Menschen derzeit vermehrt zu alkoholischen Getränken greifen. Für Suchtkranke ist das fatal. Daher unterstützt das Blaue Kreuz die Gefährdeten dabei, dauerhaft trocken zu bleiben.

Die Ortsgruppe musste ihre Treffen pandemiebedingt einstellen. Gründer Siegfried Heinrich weiß, wie sehr die (im Durchschnitt 14) Teilnehmer die wöchentlichen Gesprächsrunden vermissen. „Unterm Strich kommen die meisten sehr schlecht damit zurecht, da die Treffen mit Gleichgesinnten oft der einzige Halt ist“, berichtet der 69-Jährige. Er ermuntert die Gruppenmitglieder deshalb dazu, telefonischen Kontakt untereinander zu halten und bietet selbst Beratungen und Gespräche an. „Allein in den vergangenen drei Wochen haben sich zwei neue Betroffene oder deren Angehörige wegen Suchtproblemen gemeldet“, fügt er hinzu.

Heinrich kennt die Sorgen und Nöte der Suchtkranken und deren Angehörigen aus eigener Erfahrung als ehemaliger Alkoholiker. Seit 23 Jahre hat der Hückeswagener keinen Alkohol mehr angerührt und ist „trocken“ geblieben. Um auch anderen Suchtkranken helfen zu können, gründete er vor 13 Jahren die Ortsgruppe des Blauen Kreuzes.

Die Treffen finden normalerweise montags in den Räumen der Kreuzkirche an der Montanusstraße statt (s. Info-Kasten). Im März vorigen Jahres kam dann das vorübergehende Aus aufgrund der Infektionsgefahr. „Natürlich haben wir uns Gedanken gemacht, wie es weitergehen soll“, sagt Heinrich. In Video-Konferenzen, wie sie die Bundeszentrale anbietet, sieht der 69-Jährige allerdings keinen adäquaten Ersatz, zumal sich viele der älteren Gruppenmitglieder nicht mit der digitalen Technik beschäftigen können oder wollen.

 Heinrich denkt deshalb gerne an die Treffen zurück, die im Sommer und Herbst 2020 noch möglich waren: „Wir haben Ausflüge ins Siegerland und zur Ausstellung ‚Lebensumwege‘ in Wiehl machen können. Unser Bogenschießen-Turnier mit 18 Leuten im Oktober war ebenfalls ein voller Erfolg“, zählt er auf. Da die Gruppentreffen des Blauen Kreuzes der Gesundheitsförderung dienen, wäre eine Sondergenehmigung möglich. Dazu müssten allerdings die Genehmigungen der Kreuzkirche und des Ordnungsamts eingeholt werden. Vor dem bürokratischen Aufwand scheut der Gruppenleiter zurück und hofft stattdessen auf eine Entspannung der Lage in einigen Wochen.

Telefonisch oder zu privaten Einzeltreffen ist der Ortsgruppenleiter jedoch gerne bereit, denn es besteht akuter Bedarf: „Die Entgiftungsstationen sind total überlastet.“ Zudem hätten die meisten Suchtkranken mit Depressionen zu kämpfen – eine zusätzliche Gefahr, die durch die Corona-Situation noch verstärkt wird. Heinrich verspricht: „Wer Hilfe benötigt, bekommt sie auch. Einen Weg finden wir auch in der jetzigen Zeit.“ Die Hemmschwelle ist aber häufig hoch: „Zur Flasche zu greifen, ist immer noch einfacher, als zum Telefonhörer“, weiß der 69-Jährige.

Siegfried Heinrich nutzt die Auszeit zum Ausspannen und versucht, das Positive aus der Situation zu ziehen. „Wir haben genug Essen und ein Dach über dem Kopf“, bezieht er sich auf das Wesentliche im Leben. Seinen Alltag hat er strukturiert – seit zwei Jahren begleitet der Rentner wochentags Fahrten von Menschen mit Behinderungen. Sobald es möglich ist, möchte der Ortsgruppenleiter des Blauen Kreuzes gemeinsame Spaziergänge an der Wupper-Vorsperre anbieten.

Seine Zuversichtlichkeit macht auch anderen Menschen Mut. „Ich bin ein positiver Mensch mit Freude am Leben. Sonst hätte ich es nicht geschafft, 23 Jahre lang trocken zu bleiben“, sagt er aus Überzeugung.