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Serie Als Flüchtling In Hückeswagen: Auf der Flucht vor den Bomben in Aleppo

Serie Als Flüchtling In Hückeswagen : Auf der Flucht vor den Bomben in Aleppo

Youssef Al Jnid ist mit seinen zwei Ehefrauen Heyam Ghannam und Wafaa Yasein Alasfour vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Seit einem Jahr sind die drei jetzt in Hückeswagen. Von den Menschen sind die drei sehr angetan. Sprache sei das Wichtigste, um in Deutschland Fuß zu fassen, sagen sie.

Hückeswagen Der 48-jährige Youssef Al Jnid ist ein schmaler, kleiner Mann. Ihm sind die Strapazen, die hinter ihm liegen anzusehen. Er stammt aus der syrischen Stadt Aleppo, die schon seit Jahren als Synonym für den brutalen Bürgerkrieg in Syrien steht. Er ist gemeinsam mit seinen beiden Ehefrauen Heyam Ghannam (46) und Wafaa Yasein Alasfour (43) geflohen - wie so viele andere Menschen, die der zweitgrößten Stadt Syriens den Rücken kehrten, weil ihnen Krieg, Bomben und Tod keine Bleibeperspektive mehr gaben.

Sie sind seit einem guten Jahr in Deutschland, alle drei lernen kontinuierlich Deutsch, Youssef Al Jnid kann es schon recht gut. Nur wenn er aufgeregt ist, fehlen ihm manchmal die Worte. Aber auch die beiden Frauen können sich gut verständigen. Im November 2015 haben sich die drei auf den Weg in die benachbarte Türkei gemacht. Ein Bleiben in Aleppo sei nicht mehr möglich gewesen. "Ich bin Elektriker, hatte in Aleppo meinen eigenen Laden.

Im Nachbarhaus ist eine Bombe eingeschlagen. Die ganze Familie, die dort gelebt hat, ist dabei gestorben", erzählt Youssef Al Jnid nüchtern. Doch es kommt noch schlimmer: "Direkt neben meinem Geschäft sind kurz hintereinander drei Autobomben explodiert, haben alles zerstört. Mein Geschäft, die ganzen Geräte, die ich noch hatte." Youssef Al Jnid hätte bei der Explosion genauso gut in seinem Laden sein können, zu seinem Glück war er zu Hause, nicht weit vom Geschäft entfernt.

"Ich habe die erste Explosion gehört, und die beiden anderen konnte ich sogar sehen", erzählt der 48-Jährige. Da war klar: In Aleppo konnten sie nicht länger bleiben. Kalt war es, als sie im November in Richtung Türkei loszogen, erinnert sich Wafaa Yasein Alasfour. "Es war ein Dreitagesmarsch, etwa 70 Kilometer", sagt die 43-Jährige. Weiter ging es dann in einem Schlauchboot übers Mittelmeer, zusammen mit 50 anderen Menschen. Eine knappe Stunde voller Angst, ob das Boot halten würde, erinnern sich die drei Syrer.

Über die Balkanländer und Österreich kamen sie nach München, wo sie für zwei Tage in der Erstaufnahmeeinrichtung waren. "Von München aus wurden wir nach Wiehl gebracht. Dort waren wir für drei Wochen, ehe wir dann Mitte Dezember nach Hückeswagen kamen", sagt Youssef Al Jnid. Es war eine Zeit, in der sehr viele Flüchtlinge in die Schloss-Stadt kamen, entsprechend voll seien die Übergangsheime gewesen, erinnert sich Deike Schütte vom Flüchtlingsnetzwerk.

Seit fünf Monaten wohnen die drei Syrer in einer Wohnung an der Gerhart-Hauptmann-Straße. Von den Menschen in Hückeswagen sind die drei sehr angetan. "Sie sind sehr hilfsbereit und freundlich, wir haben schon einige Menschen gefunden, mit denen wir uns auch angefreundet haben", sagt Youssef Al Jnid. Wafaa Yasein Alasfour ergänzt mit einer Episode, die ihr deutlich im Gedächtnis haftengeblieben ist: "Es war vor etwa zehn Monaten. Wir waren spazieren.

Es regnete, und wir waren traurig", erzählt die 43-Jährige. Sie hatten keinen Schirm bei sich: "Da kamen eine Frau und ihr Mann aus einem Haus, wollten uns einen Schirm geben und haben sich erkundigt, wie es uns ging. Sie wollten uns Geld geben, um uns zu helfen. Wir aber wollten kein Geld, wir wollten arbeiten." Aber diese spontane Hilfsbereitschaft rührte die Syrer tief. Heute kann die 43-Jährige auf ein Praktikum im Rader Krankenhaus zurückblicken, momentan arbeitet sie dort in der Küche.

Youssef Al Jnid hat ebenfalls mehrere Praktika gemacht, etwa beim Reparaturcafé und im 3-Städte-Depot. Tagsüber geht er in die Schule, in der Nacht arbeitet er jetzt bei der Bäckerei Bauer. Und auch Heyam Ghannam besucht eine Schule, denn die Sprache sei das Wichtigste, da sind die drei sich einig, um Fuß in Deutschland fassen zu können. "Wir wollen hier bleiben, in Syrien ist alles kaputt. Und in Hückeswagen ist es sehr schön - nur die Sprache ist nicht einfach", sagt Wafaa Yasein Alasfour - und lächelt ein bisschen.

(wow)