Hückeswagen: Auf Besuch bei der "Russenzigarre"

Hückeswagen : Auf Besuch bei der "Russenzigarre"

Auf eine historische Zeitreise begeben können sich am kommenden Wochenende, während der Sommerbob-EM, die Besucher einer besonderen Ausstellung im Museum der Firma Pflitsch: Dort sind Bobs von 1897 bis heute zu sehen. Die BM sah sich gestern bereits einmal um.

Als Anderl Ostler bei den Olympischen Winterspielen 1952 in Oslo mit seinem Team vom SC Riessersee Gold im Viererbob holte, brachten die "schweren Jungs" zusammen 472 Kilogramm auf die Waage — ohne die Sportkluft aus dicken Strickpullovern und Stiefeln. Die Zeiten im Bobsport haben sich geändert. Die Kleidung heutzutage ist eng anliegend und leicht, die Sportler sind zwar immer noch stämmige Kerle (und inzwischen auch Frauen), aber vollkommen durchtrainiert. Anders als der Gastronom Ostler und seine Sportkameraden.

Wie sehr sich der Bobsport entwickelt hat, ist am 5. und 6. Mai bei der Ausstellung im Museum der Firma Pflitsch zu sehen, die der Bobsport- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) zur Verfügung gestellt hat. Sportfreunde werden leuchtende Augen bekommen, wenn sie vor der "Russenzigarre", dem "Opel-Bob" oder den heutigen Hightech-Geschossen stehen.

Heimlicher Star der kleinen Ausstellung mit sieben Bobs, drei Skeleton-Schlitten und umfangreichen Infotafeln dürfte das älteste Exponat sein — der Fünferbob aus dem Jahr 1897. "Er ist aus Holz und zweiteilig", erzählt Hans Scherer, der zusammen mit Georg Eder vom BSD die Ausstellung in der Halle L 3 aufbaut. Weil der Bob für den Transport zu lang war, wurde er vor den Rennen aus zwei Teilen zusammengesetzt und an beiden Seiten mit Stangen fixiert.

Wie der 115 Jahre alte "Oldie", so verfügt auch der Bob aus den 30er Jahren noch über ein kurioses Lenkrad. "Das hat sich aber nicht durchgesetzt, weil es viel zu schwergängig war", erzählt Scherer. Heute steuern die Bob-Piloten ihre Sportgeräten mit Lenkseilen. "Dazu brauchen sie nur ein paar Finger", erläutert Eder. Für die mehr als 120 Stundenkilometer schnellen "Boliden der Eisrinne" ist viel Fingerspitzengefühl gefragt.

Aufsehen erregen dürfte auch die "Russenzigarre" — zum einen wegen ihrer knallroten Lackierung und der Werbeaufschrift einer bekannten dunklen Brause aus den USA, zum anderen wegen ihres auffälligen Designs. "Sie ist sehr schlank geschnitten", weist Scherer auf die besondere Form des Bobs hin, mit dem die Sowjets in den 80er Jahren erfolgreich waren. "Bei uns haben die ,Russenzigarre' nur wenige Fahrer beherrscht", erinnert sich der Bobsportbegeisterte Rentner. Rudi Lochner, Weltmeister von 1991, war einer von ihnen.

Kurios ist auch die Form des "Opel-Bobs", der mit seiner hochgestellten Moped-Scheibe ein wenig an einen Motorschlitten erinnert. Auch diese Form setzte sich nicht durch. "Der Bob war zu schnell und deshalb auf verschiedenen Bahnen nur schwer beherrschbar", sagt Scherer.

Ausgestellt ist auch Sportkleidung. Unter anderem ist das Original-Kostüm des Schauspielers Michael A. Grimm, der in dem Film "Schwere Jungs" von 2006 den Wirt Franzl Kemser spielte, zu sehen. In dem Film wurde die Geschichte von Ostlers Olympiasieg frei nacherzählt. Aber auch die Ausstellung im Pflitsch-Museum hat reichlich Geschichten zu erzählen.

Berichte zur Sommerbob-EM unter

www.rp-online.de/hueckeswagen

(RP)