50 Jahre Stahlhuth-Orgel der Evangelischen Kirchengemeinde Hückeswagen Hörgenuss und Augenschmaus der Pauluskirche

Hückeswagen · Die Stahlhuth-Orgel der Pauluskirche war 1974 und somit vor 50 Jahren eingebaut worden. Doch das Instrument der renommierten Aachener Firma enthielt die „falschen“ Materialien. Erst nach der Sanierung 2020/21 ist ihr wunderschöner Klang so zu hören, wie er sein sollte.

 Kantorin Inga Kuhnert liebt den „neuen“ Klang ihres Instruments.

Kantorin Inga Kuhnert liebt den „neuen“ Klang ihres Instruments.

Foto: Jürgen Moll

Mitten in der Corona-Pandemie sitzt Inga Kuhnert inmitten der Pauluskirche. Die aufwendige Sanierung der Orgel ist im März 2021 fast abgeschlossen, da muss Orgelbauer Stefan Peters das Instrument noch intonieren. Und der Klang begeistert schon jetzt: Die Stahlhuth-Orgel, Baujahr 1974, sei wundervoll intoniert, versichert die Kantorin, die normalerweise selbst an den Tasten sitzt und nun erstmalig die Orgel wie die Gottesdienst- und Konzertbesucher hören kann. „Sie ist viel runder und ausgeglichener in den Tönen.“ Der Klang sei einfach wunderbar.

Begeistert ist Inga Kuhnert von „ihrer“ Orgel auch noch drei Jahre später. In diesem Jahr besteht das Instrument der Orgelbauanstalt Georg Stahlhuth & Co mbH aus Aachen seit 50 Jahren. Das Unternehmen, das Georg Stahlhuth als 23-Jähriger in Hildesheim gegründet und das seit dem Umzug 1864 in der Stadt von Karl dem Großen beheimatet ist, hatte die Orgel 1974 über dem Altar der Pauluskirche eingebaut. „Die Vorgängerorgel von 1887 war einfach nicht mehr zu reparieren gewesen“, berichtet die Kantorin.

Die hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 87 Jahre hinter sich und besonders unter dem Verlust der Prospektpfeifen gelitten: Die großen, vom Kirchenraum aus sichtbaren Pfeifen waren im Ersten Weltkrieg demontiert und für Munition oder Waffen eingeschmolzen worden. Als die Pauluskirche 1969/70 saniert worden war, hatten die Verantwortlichen festgestellt, dass die Orgel ihre beste Zeit eindeutig hinter sich hatte und bei der Aachener Orgelbauanstalt eine neue geordert, die vier Jahre nach Sanierungsende eingebaut wurde. Sie ist damit die zweite Stahlhuth-Orgel in Hückeswagen, denn auch die katholische Pfarrkirche hat eine. Diese war 1895 vom Kirchenvorstand in Auftrag gegeben worden.

 Ein halbes Jahrhundert alt ist die Stahlhuth-Orgel der Pauluskirche. 1974 war sie von der renommierten Orgelbauanstahlt Stahlhuth aus Aachen konzipiert und gebaut, 2020/21 dann aufwendig generalüberholt worden.

Ein halbes Jahrhundert alt ist die Stahlhuth-Orgel der Pauluskirche. 1974 war sie von der renommierten Orgelbauanstahlt Stahlhuth aus Aachen konzipiert und gebaut, 2020/21 dann aufwendig generalüberholt worden.

Foto: Jürgen Moll

Die Firma Stahlhuth ist ein renommiertes Unternehmen. Was die Orgelbauer vor 50 Jahren aber nicht daran hinderte, die „falschen“ Materialien einzubauen. „Das haben in den 70ern viele Orgelbaufirmen gemacht“, nimmt Inga Kuhnert Stahlhuth in Schutz. „Viele distanzieren sich heute von den Orgeln, die sie damals gebaut haben.“ So wurde auch in dem neuen Instrument der Pauluskirche viel Kunststoff, Aluminium, Stahlblech und vor allem Sperrholz eingebaut – weil’s günstiger war. „Das sind aber fragwürdige Materialien“, macht die Expertin deutlich. Gehörten doch in eine Orgel ausschließlich Holz, Eisen und Leder.

Die minderwertigen Materialien hatten in den ersten Jahrzehnten nicht unbedingt Probleme gemacht, zuletzt aber war dann doch deutlich zu hören, dass der Klang einfach nicht mehr stimmte. Selbst nach einem halben Jahrhundert hätte das nicht sein dürfen. So entschied sich das Presbyterium für eine Sanierung, und zwar für die „große“ Lösung.

Blick auf ein Teil der Registerstaffeln an der Orgel.

Blick auf ein Teil der Registerstaffeln an der Orgel.

Foto: Jürgen Moll

Der Verschleiß hatte dem Instrument an vielen Stellen zugesetzt, dazu kam Materialermüdung. Das betraf vor allem die Mechanik, die sich dank der ungewöhnlichen Materialien als deutlich störungsanfälliger erwies. Zuletzt waren die Tasten der Orgel unterschiedlich zu spielen, auch bei den Pedalen gab es Probleme. Daher wurde die Mechanik 2020/21 durch Orgelbauer Stefan Peters, Inhaber einer Klavier- und Orgelmanufaktur bei Osnabrück, elektrifiziert. Seither kommt der Impuls von der Taste zu den Pfeifen eben elektrisch und nicht mehr, wie bis dato, mechanisch. Das war durchaus ein großer Eingriff in ein solches Instrument.

Zudem erhielt die Orgel der Pauluskirche eine neue Setzeranlage, mit deren Hilfe und mittels Knopfdrucks die Musiker die Klangfarbe verändern können. Die Hilfe des Registranten, der die Register ziehen muss, ist nun nicht mehr vonnöten. Darüber hinaus wurden die Registerzüge komplett erneuert und die Elektrik neu abgesichert. Schließlich wurde auch noch das beschädigte Material durch Vollholz oder durch Multiplexplatten ausgetauscht.

Mit Erfolg: „Der Klang ist sehr voll“, erläutert Inga Kuhnert. „Voluminös, strahlend und nicht schreiend.“ So wie sich eine Orgel der Orgelbauanstalt Stahlhuth aus Aachen eben anhören sollte. Dass der wunderschöne Klang wieder in die Pauluskirche zurückgekehrt ist, liegt zudem an der Intonierung auf den Kirchenraum hin. So wurde jedes der 26 Register und jede der mehr als 2500 Pfeifen Ton für Ton abgehört, wobei der Orgelbauer inmitten der Kirche stand. Für ein etwaiges Nachjustieren hatte er selbst gemachtes Werkzeug dabei. „Beim Einbau 1974 war das nicht gemacht worden, sondern in der Manufaktur in Aachen“, sagt die Kantorin.

Für das Jubiläumsjahr der Orgel hat es bereits ein Konzert gegeben und sind weitere Einsätze des Instruments vorgesehen (s. Infokasten). Für Kantorin Inga Kuhnert ist das dann jedes Mal ein Fest, den „neuen“ Klang des Instruments zu erleben – und nicht nur für sie.

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