Vor 80 Jahren Hückelhovener Jude Julius Hermanns auf dem Emigranten-Schiff St. Louis

Jüdisches Schicksal aus Hückelhoven : Nach Irrfahrt der St. Louis ins Todeslager

Der ARD-Film „Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis“ hat Bezug zu Hückelhoven: Der Kaufmann Julius Hermanns wollte vor 80 Jahren mit dem Flüchtlingsschiff St. Louis sein Leben retten. Das gelang nicht – er wurde im KZ ermordet.

Die ARD erinnerte mit dem Film „Die Ungewollten – Die Irrfahrt der St. Louis“ an tragische Ereignisse vor 80 Jahren: 1939 bestiegen im Hamburger Hafen 937 jüdische Flüchtlinge das Schiff St. Louis, um mit kubanischen Visa Nazi-Deutschland ein halbes Jahr nach den November-Pogromen verlassen und ihr Leben retten zu können. Darunter der jüdische Kaufmann Julius Hermanns aus Hückelhoven (ARD-Mediathek bis 20. November).

In seinem Buch „Lebensspuren-Spurensuche – Jüdisches Leben im ehemaligen Landkreis Erkelenz“ hat der Erkelenzer Geschichtsforscher Hubert Rütten die Geschichte und Schicksale der Juden an Rur, Schwalm und Niers dargestellt. Julius Hermanns gehörte zu den 254 St.-Louis-Passagieren, die später im Holocaust ermordet wurden, denn die Aufnahme der Flüchtlinge in Kuba, den USA und Kanada wurde verweigert, das Schiff zurückgeschickt.

Mit einem Doku-Drama im Spielfilm-Format erinnert die ARD mit Ulrich Noethen als St.-Louis-Kapitän Gustav Schröder an die Geschichte von Hoffnung, Enttäuschung und Tod, basierend auf den Aufzeichnungen des Schiffsführers, der trotz der Aufnahmeverweigerung in Amerika viel für die Passagiere tun konnte, wenn er auch die Ermordung von gut einem Viertel nicht hat verhindern können. 1993 wurde Gustav Schröder, er starb 1959, vom Staat Israel nach in die Gedenkstätte Yad Vashem in den Kreis der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen.

Julius Hermanns wurde nach den Recherchen von Hubert Rütten1891 in Neersen (Willich) geboren, eröffnete 1927 mit seinem Bruder Siegfried an der Hindenburgstraße in Mönchengladbach ein Textilgeschäft, das sie später in die Hansberger Straße 108 (heute Mokwastraße) in Hückelhoven verlegten. Der Steinkohlenbergbau hatte die Brüder nach Hückelhoven gelockt, die Mokwastraße war die frühe Geschäftszeile der sich rasant entwickelnden Gemeinde, weitere Juden waren als Kaufleute in der Straße ansässig.

Die Nazis verurteilten Julius Hermanns wegen „Rassenschande“, sexuelle Beziehungen zwischen Juden und „Deutschen“, zu 18 Monaten Gefängnis. Er wurde in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald festgehalten, im April 1939 mit der Auflage entlassen, Deutschland sofort zu verlassen.

Über seinen Schwager Sol Meyer, der nach New York emigriert war, bekam er das Geld für ein Visum nach Kuba und die Schiffspassage dorthin, von Havanna aus sollte es in die USA gehen. Die Überfahrt wurde per St. Louis von der „Hamburg Amerika-Linie“ (HAPAG) angetreten, das Schiff erreichte Havanna auch, allerdings durften die Passagiere nicht von Bord, da die kubanische Regierung die Visa für ungültig erklärt hatte. Nur 28 Personen durften das Schiff verlassen, nachdem Kapitän Schröder eine Woche mit den Behörden um die Einreise seiner Passagiere verhandelt hatte. Er steuerte Florida an, wo er auf Anweisung von Präsident Roosevelt ebenfalls abgewiesen wurde, auch Kanada verweigerte die Aufnahme.

Schröder wurde von seiner Reederei angewiesen, nach Deutschland zurückzukehren – daraufhin gerieten die jüdischen Passagiere in Panik, drohten mit Massenselbstmord und Kaperung des Schiffs, dem Kapitän gelang es jedoch, eine Anlegegenehmigung für den Antwerpener Hafen in Belgien zu bekommen. Großbritannien, Frankreich, Belgien und die Niederlande erklärten sich bereit, je ein Viertel der Emigranten zu übernehmen. Das schien ein großer Erfolg zu sein, Schröder konnte nicht ahnen, dass bis auf Großbritannien ein Jahr später Nazi-Deutschland alle Aufnahmeländer erobert hatte.

Julius Hermanns gehörte zu den 224 Menschen, die in Frankreich aufgenommen wurden – doch der Beherrschungswille der Nazis ließ das Schicksal des Hückelhovener Kaufmanns in Richtung einer Tragödie weiterlaufen. Als Deutschland Frankreich 1940 angriff, wurde er als Deutscher von den Franzosen, eigentlich ein Widersinn, als „feindlicher Ausländer“ in Südfrankreich interniert, das von der französischen Vichy-Regierung in Abhängigkeit beherrscht wurde.

Julius Hermanns wurde in französische Lager verlegt, schließlich in die Anlage Drancy bei Paris – quasi die Vorstufe eines Todeslagers, denn das lag in der Zone, die von Nazi-Deutschland beherrscht wurde, von Drancy gingen Züge direkt in das Konzentrationslager Auschwitz. Da kein Todesdatum in den Lagerdokumenten verzeichnet ist, vermutet Hubert Rütten, dass Julius Hermanns sofort nach seiner Ankunft in die Gaskammer geschickt worden ist. Das war vermutlich am 14. August 1942. Seine Frau und die Tochter wurden am 11. Dezember von Mönchengladbach nach Riga im deutsch besetzten Lettland deportiert – dort verlor sich ihre Spur, sie wurden vermutlich ebenfalls ermordet.

Hubert Rütten ermittelte Spuren der Familie Hermanns im „United States Holocaust-Museum“ in Washington, wo sie in einer Ausstellung 1999 über das Schiff St. Louis besonders herausgestellt wurde, dort wurde ein Foto gezeigt, das in Mönchengladbach verortet worden war, aber das Geschäft Hermanns Mokwastraße 108 in Hückelhoven zeigt. Julius Hermanns ist auch in der französischen Holocaust-Gedenkstätte „Le Mémorial de la Shoah“ in Paris verewigt. Julius‘ Schwester Sophie, die im Geschäft an der Mokwastraße gearbeitet hatte, wurde 1941 nach Riga deportiert, ihre Spur verliert sich im KZ Stutthof bei Danzig, wohin die SS die Häftlinge zum Ende des Kriegs gebracht hatte, als die Rote Armee den Osten bis zu den deutschen Grenzen freigekämpft hatte.

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