Schülertheater im Gymnasium Hückelhoven: "Der Prozess" von Kafka

Hückelhovener Schülertheater : Welt voller Angst und Verfolgung

Aus Franz Kafkas Romanvorlage „Der Prozess“ hatten die Schülerinnen und Schüler des Literaturkurses 2 am Hückelhovener Gymnasium ein anspruchsvolles und düsteres Theaterstück erarbeitet.

Für eineinhalb Stunden entführten sie in eine von Verfolgung und Angst geprägte Welt: Mit Franz Kafkas bekanntem Roman „Der Prozess“ zeichneten die Schülerinnen und Schüler aus dem Literaturkurs 2 am Hückelhovener Gymnasium ein düsteres Bild. Das Besondere bei der anspruchsvollen Theaterinszenierung, die an zwei Abenden in der Aula der Schule stattfand: Insgesamt elf Ensemble-Mitglieder schlüpften in die Rolle des Bankangestellten Josef K., der ausgerechnet an seinem 30. Geburtstag zu Hause böse überrascht und ohne ersichtlichen Grund verhaftet wird. Der Prokurist darf sich trotz dieser plötzlichen Verhaftung frei bewegen und auch seiner Arbeit in der Bank nachgehen.

Vergeblich versucht er, herauszufinden, weshalb er überhaupt angeklagt wurde. Dabei erfindet Josef K. immer wieder Gründe, um sich zu rechtfertigen. Das Gericht, in dem er sich eines Tages zur Verhandlung wiederfindet, befindet sich auf den Dachböden großer, ärmlich wirkender Mietskasernen und ist für ihn nicht wirklich greifbar. Je mehr der Angeklagte zu verstehen versucht, desto mehr verwickelt er sich in ein Gestrüpp völlig undurchschaubarer Gesetze und menschlicher Verwirrungen. Josef K. dringt immer tiefer in die Gerichtswelt ein, beschäftigt sich schließlich nur noch mit seinem unerklärlichen Fall, obwohl er zunächst das Gegenteil beabsichtigte. So schleicht sich das Gericht immer weiter in das Leben des Bankangestellten ein und beginnt, ihn zu zerfressen. In seiner Arbeit, in den zwischenmenschlichen Beziehungen, selbst in der Kirche findet er plötzlich Angehörige des Gerichts.

Es ist wie ein unausweichlicher Sog: Josef K. kommt nicht mehr heraus aus dem Labyrinth, das ihn gefangen hält und die ganze Welt wie einen bösen Albtraum erscheinen lässt, surreal und voller Bürokratie. Ob tatsächlich ein mysteriöser Prozess immer weiter voranschreitet, erschließt sich weder den Zuschauern noch Josef K. selbst. Er merkt aber, dass seine Zeit bald abgelaufen ist, dass sich die Schlinge um seinen Hals immer weiter zuzieht. Josef K. fügt sich zum Schluss einem nicht greifbaren, nicht nachvollziehbaren Urteilsspruch, ohne jemals zu erfahren, weshalb er angeklagt wurde und ob es tatsächlich ein Urteil eines Gerichts dazu gibt. Am Vorabend seines 31. Geburtstags wird der Bankangestellte von zwei Männern abgeholt und in einem Steinbruch erstochen. Das grausame Todesurteil wird ohne vorherige Ankündigung vollstreckt. Josef K. geht zugrunde an einer Welt, die sich längst jeder Sinnhaftigkeit entzogen hat.

Mit einfachen Mitteln gelang es den Hückelhovener Gymnasiasten, den anspruchsvollen Kafka-Stoff als verstörend wirkendes Theaterstück umzusetzen. Dabei unterschieden sich die elf Darsteller der Hauptfigur durch ein weißes Hemd, während alle anderen Akteure schwarz gekleidet waren. Bank-Prokurist Josef K. wurde dargestellt von Sinan Aydin, Esmin Cosovic, Sophia Fluhr, Tayfun Hallacoglu, Lisa Joecken, Nina Klee, Wanda Moosmeier, Fatmanur Özkan, Tamino Tetz, Tim Zitz sowie Tim Zschenderlein.

Deutschlehrerin Christine Wolff, die das Kafka-Stück ausgewählt und in einem Dreivierteljahr mit den Schülern des Literaturkurses 2 einstudiert hatte, erläuterte die ganz besondere Herausforderung: „Es ist nicht zu verstehen, was da passiert.“ Sie selbst kenne mindestens zehn verschiedene Deutungsansätze für den „Prozess“. Die unglaubliche Geschichte des verhafteten und angeklagten Bankangestellten handele, so Christine Wolff, von einer „Allmacht, die jeden treffen, aber nicht nachzuvollziehen“ sei. Dem Protagonisten stehe eine geschlossene Ordnung gegenüber, die nicht nur ihrem eigenen Regelwerk folge, sondern sich auch in sämtlichen Lebensbereichen manifestiere. Dass er selbst die „systemische Eigenlogik“ erst erfülle, indem er selbst mitspiele, sei Josef K. dabei aber kaum bewusst.

Lehrerin Christine Wolff hält das Kafka-Stück nach wie vor für aktuell, „obwohl wir nicht in einer Gesellschaft leben, in der wir von Uniformierten aus dem Bett geholt und in einem Steinbruch erstochen werden“. Denn Kafka schildere nicht nur, wie Menschen zu Opfern würden. Er schildere auch, wie sehr die Macht darauf angewiesen sei, dass Menschen „mitmachen“.

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