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Hückelhoven: Rollenspiele in der "bösen Clique"

Hückelhoven : Rollenspiele in der "bösen Clique"

Das Wittener Ensemble "Theaterspiel" arbeitete mit Jungen und Mädchen der Hauptschule In der Schlee. Am Ende stand ein Theaterstück aus eigener Ideenschmiede. Es ging auch um Selbstbewusstsein und Körperwahrnehmung.

Unsanft knallt Sebastian (Jason Hausding) auf den harten Boden. Die Mitglieder der "bösen Gang" haben ihn geschubst. "Du Muttersöhnchen" und "siehst schwul aus" rufen sie hämisch, als der Junge taumelt.

Schauspielerin Beate Albrecht nickt zufrieden. Die Profi-Darstellerin des Wittener Ensembles "Theaterspiel" ist an diesem Tag mit drei ihrer Kollegen in die Hückelhovener Hauptschule In der Schlee gekommen, wo sie von 60 Mädchen und Jungen der fünften bis siebten Klasse begeistert aufgenommen wird.

Das städtische Jugendamt hat den ungewöhnlichen Theater-Workshop finanziert - Rollenspiel statt Mathe, Deutsch und Englisch. Im Computerraum der Schule wird eifrig geprobt. Nur drei Stunden Zeit bis zur Aufführung bleiben den jungen Nachwuchsmimen, die sich für das selbst erarbeitete Stück in vier Gruppen einteilen lassen. "Ich bin hier nur die Rahmengeberin", erklärt Albrecht. Dann, zu den Schülern gewandt: "Los geht's, alle auf Position. Jetzt mal mit Schmackes."

Jason Hausding (zwölf Jahre) mimt Schüler Sebastian, dessen Mutter vor drei Monaten gestorben ist. Der Vater (Enes Kisan) lässt sich gehen, wirkt teilnahmslos, kümmert sich kaum noch um den Jungen, der das Haarband der toten Mutter trägt und deshalb angefeindet wird. "Wir arbeiten als Team zusammen. Das macht Spaß", sagt Jason, und Enes (13) nickt. Es geht um Ausgrenzung, erste Liebe, die sich zwischen Sebastian und seiner Mitschülerin Anna (Eslem Santur) entwickelt. Auch um Alkoholismus und Drogensucht, als Sofia (Joana Buchholz) ihrer besten Freundin Susan (Antonia Thönnißen) auf dem Schulhof gesteht, dass nicht nur der Vater regelmäßig zur Flasche greift, sondern auch sie selbst.

Die Ideen kommen von den Schülern. Zum Beispiel die von der Schülerpolizei, die sich schützend vor Sebastian stellt und einen Kreis bildet, als die "böse Clique" erneut versucht, ihn anzugreifen. Der elfjährige Arivan Rütten spielt Nico, den Anführer der "guten Clique". "Wir möchten erreichen, dass es an unserer Schule wieder friedlich wird", erklärt er die Zielsetzung "seines" Freundeskreises. "Viel besser als Unterricht" findet er den Theater-Workshop mit den Schauspielern aus Witten.

Musiker Florian Walter bringt den Hückelhovener Hauptschülern in einem Klassenzimmer ein Gefühl für Rhythmus bei. Gemeinsam stampfen sie mit den Füßen auf. Rund eine Stunde dauert die Aufführung des Theaterstücks aus eigener Ideenschmiede. Beate Albrecht ist hochzufrieden und lobt die Leistung der jungen Darsteller. "Gut gemacht. Applaus", ruft sie mit lauter Stimme, als die Mädchen und Jungen drei Stunden Proben hinter sich und ihre selbst entwickelten Szenen den Teilnehmern aus den anderen drei Gruppen präsentiert haben.

Die Wittener Theater-Profis sind mit einem hohen Anspruch zur Hauptschule In der Schlee gekommen. Sie möchten nicht nur schauspielerische und dramaturgische Grundkenntnisse vermitteln, sondern auch das Selbstbewusstsein und die Körperwahrnehmung der Teilnehmer stärken. Kreatives Potenzial soll entdeckt, gefördert und ausgelebt werden.

(cb)