Hückelhoven: Riskante Flucht durch den Teltowkanal

Hückelhoven : Riskante Flucht durch den Teltowkanal

Zeitzeuge Hartmut Richter aus Berlin berichtete Hückelhovener Gymnasiasten von den Stasi-Schikanen und seiner Zeit in Haft. Der gefragte DDR-Referent besucht noch bis morgen zahlreiche Schulen im Kreis Heinsberg.

Nachts quälen ihn immer noch Alpträume. Von seiner dramatischen Flucht 1966 durch den Teltowkanal. Von seiner Zeit als Fluchthelfer, als er 1974 im Kofferraum seines Autos 31 Menschen, darunter seiner Schwester Elke und ihrem Verlobten, zur Freiheit im Westen verhelfen wollte und erwischt wurde. Von der schwierigen Zeit im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen.

Hier wurde Hartmut Richter verhört, gefoltert, isoliert, bespitzelt. Der heute 69-Jährige verarbeitet seine bewegende Lebensgeschichte, indem er vor allem jungen Menschen erzählt, wie grausam der Unrechtsstaat DDR mit Menschen umging. Gestern traf der Berliner, der in Charlottenburg lebt, nachdem er freigekauft wurde, auf Hückelhovener Gymnasiasten, denen er von den zahlreichen Schikanen in dem sozialistischen Staat berichtete.

Hartmut Richter freut sich über das große Interesse der Jugendlichen, die viele Fragen stellen. "Ick hab' ja ooch eene janze Menge zu erzählen", sagt er in Berliner Dialekt. Noch bis morgen ist er zu Gast an Schulen im Kreisgebiet, darunter die Hauptschule In der Schlee, die Wassenberger Betty-Reis-Gesamtschule sowie die Hauptschulen in Erkelenz und Wegberg.

Der Kontakt in die Region entstand, als der VdK Selfkant vor 13 Jahren auf Einladung des Bundestagsabgeordneten Leo Dautzenberg die Hauptstadt und die Gedenkstätte in Hohenschönhausen besuchte, durch die Hartmut Richter führte. Ortsgruppenchef Frans Lipperts und seine Mitstreiter waren sich schnell einig: "Diesen Mann holen wir zu uns." Seitdem organisiert der Selfkant-Ableger des Sozialverbands die jährlichen Besuche, Vorsitzender Lipperts und sein Vorstandskollege Toni Boden begleiten Richter an die Schulen.

Eine rund 40-minütige Dokumentation, die der Berliner den Schülern zeigt, handelt vom Mauerbau am 13. August 1961, vom ersten Mauertoten Günter Litfin, dem 18-jährigen Peter Fechter, den Grenzer im Todesstreifen verbluten ließen. Auch die Bernauer Straße, in der die Mauer stand und der spektakuläre Tunnel 57 exakt 57 Frauen und Männern in den Westen verhalf, wurden in dem Streifen thematisiert, für den auch Hartmut Richter interviewt wurde. Anfangs habe er noch geglaubt, dass die DDR "der bessere deutsche Staat" sei. "So wurde es uns in der Schule beigebracht." Heute erzählt er seinen jungen Zuhörern eine ganz andere Geschichte. Denn seine Sicht auf die menschenverachtenden Machenschaften der Staatssicherheit hat sich schon lange geändert.

Immer stärker wird damals sein Freiheitsdrang. Dann wird der Plan konkret. Richter schwimmt am 27. August 1974 durch den Teltowkanal. Mitternacht, er trägt ein dunkles Hemd, um nicht aufzufallen. Vier Stunden, die ihm wie eine Ewigkeit vorkommen. "Ich musste hauptsächlich tauchen, um nicht gesehen zu werden." Plötzlich schlägt ein Wachhund an, DDR-Grenzsoldaten auf der Brücke entdecken ihn aber nicht. "Wo bin ich hier?" fragt er eine alte Frau. "Im Westen", antwortet sie ihm. "Ich war überglücklich." Als das Transitabkommen in Kraft tritt und Autos nur noch bei begründetem Verdacht kontrolliert werden, will Hartmut Richter als Fluchthelfer tätig werden. Er fliegt auf, wird zu 15 Jahren Haft wegen illegalen Menschenhandels verurteilt. Rund fünfeinhalb davon sitzt er ab.

"Es war keine leichte Zeit. Am schlimmsten war die U-Haft in Hohenschönhausen", sagt er. "Man sehnt seine Verurteilung herbei." Den Prozess, der ihm gemacht wurde, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, nennt er "ein reines Theaterstück". Wie er sich gefühlt habe, als die Anklagepunkte gegen ihn verlesen wurden, wollen Gymnasiasten wissen. "Ich hatte nie Schuldkomplexe", antwortet Richter. "Und habe nie ans Aufgeben gedacht. Wenn ich ein ängstlicher Mensch wäre, wäre ich nicht durch den Teltowkanal geschwommen. Demokratie ist nicht selbstverständlich. Ich möchte, dass das so bleibt", erläutert er seine Beweggründe.

(cb)
Mehr von RP ONLINE