Ukrainische Flüchtlingsfamilie in Ratheim Banges Warten aufs Wiedersehen

Ratheim · Familie Shevchenko flüchtete in den ersten Kriegstagen aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew nach Ratheim. Familienvater Mykola reiste inzwischen zurück in die Heimat, nachdem er seine Familie nach Deutschland brachte. Nun beginnt das bange Warten.

 Vermissen den Papa und Ehemann: Mykyta, Veronika und Oleh (von links) mit ihrer Mutter Yevheniia Shevchenko und Beagle-Hündin Maxi. Die rosafarbenen Rosen ließ Mykola Shevchenko seiner Frau aus Kiew zum Geburtstag nach Ratheim schicken.

Vermissen den Papa und Ehemann: Mykyta, Veronika und Oleh (von links) mit ihrer Mutter Yevheniia Shevchenko und Beagle-Hündin Maxi. Die rosafarbenen Rosen ließ Mykola Shevchenko seiner Frau aus Kiew zum Geburtstag nach Ratheim schicken.

Foto: Laaser, Jürgen (jl)

Die vorwurfsvollen Blicke, die spitzen Bemerkungen. Sie taten weh. Worte wie Nadelstiche. Immer wieder, überall. „Warum ist der Mann hier? Muss der nicht sein Land verteidigen?“ Vor zwei Wochen ging Mykola Shevchenko (39). Er ging freiwillig zurück in seine ukrainische Heimat. Er hätte auch bleiben können. Eineinhalb Tage dauerte die anstrengende Fahrt, die ihn im voll besetzten Reisebus ab Düsseldorf zurück brachte nach Kiew. Hier besitzen die Shevchenkos eine zentral gelegene Eigentumswohnung. Ehefrau Yevheniia (41) und die drei Kinder Mykyta (neun), Veronika (sieben) sowie der fünfjährige Oleh blieben allein zurück in Ratheim.

Kostenpflichtiger Inhalt Im Mai hatte die RP zum ersten Mal über die ukrainische Familie berichtet. Der Aufbruch in eine ungewisse Zukunft tat ihnen weh. Die Dreifach-Mama erklärt in fließendem Englisch, warum Ehemann Mykola aus freien Stücken Ratheim verließ, um in Kiew auf seinen Einsatzbefehl zu warten, der ihn jederzeit an die Front versetzen könnte. Zu Hause in der Ukraine wurde die Familie als kinderreich eingestuft. Deshalb durfte der Familienvater legal ausreisen, als sich die Shevchenkos in den ersten Kriegstagen zur Flucht entschlossen hatten. „Es war von vornherein besprochen, dass mein Mann nach Deutschland gekommen ist, um uns her zu bringen“, sagt sie. Und weiter: „Es war seine Entscheidung. Er möchte in seinem Heimatland hilfreich und nützlich sein.“ Mykola hilft den betagten Nachbarn, kümmert sich auch um seine Schwiegermutter. Ehefrau Yevheniia hat ihm Salbe für die Beine und viele andere Medikamente für ihre Mutter mitgegeben. „In der Ukraine sind die Arzneimittel jetzt knapp“, berichtet sie ernst. In der vergangenen Woche ist sie 41 geworden. Eine kleine Geburtstagsfeier gab es mit den drei Kindern und einigen Freunden, die die Familie gefunden hat. Mit selbstgebackenem Kuchen und gelben Rosen, die die Kinder heimlich für sie gekauft hatten. Als es plötzlich an der Tür klingelte und ein Bote ihr einen Strauß rosafarbener Rosen überreichte, den Ehemann Mykola in Auftrag gegeben hatte, war sie gerührt. Yevheniia Shevchenko weiß, dass die nächsten Monate nicht leicht werden. Dennoch steht sie fest hinter der Entscheidung ihres Ehemannes.

Die 41-Jährige hat keinen Führerschein, bringt Oleh jeden Morgen mit dem gebraucht gekauften E-Bike zum Kleingladbacher Waldkindergarten. „Zu Hause in Kiew war ich schon für die Fahrschule angemeldet. Dann kam der Krieg, mit dem wir nicht gerechnet haben. Die Russen waren doch unsere Freunde“, sagt sie traurig. Ob es in Hückelhoven einen Fahrlehrer gibt, der mit ihr Ukrainisch oder Russisch spricht, weiß sie nicht. Sie wünscht es sich sehr, denn: „Ohne Führerschein ist es ziemlich schwierig“.

Mehrmals täglich telefoniert sie mit Mykola, der ihr berichtete, dass die eigene Wohnung nicht verschont blieb vom russischen Angriffskrieg. „Zwei Fenster wurden von der Druckwelle einer Explosion zerstört. Auch in den Schulen unserer Kinder und in Olehs Kindergarten sind Fenster kaputt.“ Regierungsangestellte waren da, um sich die Schäden anzusehen. Sie versprachen, sich um eine Reparatur zu kümmern.

In den nächsten 90 Tagen darf Mykola nicht ausreisen. Bis zum nächsten Wiedersehen dahin will Yevheniia tapfer bleiben. Derweil freut sie sich über die erste Medaille, die der kleine Oleh vom Fußballspielen beim VfJ Ratheim mitgebracht hat. Auch sein älterer Bruder kickt dort – in einem ukrainischen Trikot. Tochter Veronika wird nach den Sommerferien ein Probetraining bei den Nachwuchs-Artisten der Zirkus-AG am Hückelhovener Gymnasium absolvieren. Sportlehrerin und AG-Leiterin Bianca Schiff hat es ihr neulich nach der Show der „Pepperonis“ spontan angeboten, als sie sah, wie begeistert Veronika von den waghalsigen Artistik-Leistungen war.

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