Peter-Jordan-Förderschule: Hartmut Richter berichtet über das Leben in der DDR

Hartmut Richter in Hückelhoven : DDR-Zeitzeuge vermittelt Traum von Freiheit

Hartmut Richter (70) schilderte den Schülern der Peter-Jordan-Förderschule das Leben und den Alltag in der DDR und will damit auch präventiv wirken.

Er wollte gern die Beatles hören. Die Stones, die Beach Boys. Jeanshosen tragen. Mit dem politischen System der DDR stand er schon lange auf Kriegsfuß. Weil er erkannt hatte, dass die Legende vom besseren deutschen Staat, die man ihm in der Schule vorgegaukelt hatte, gar nicht stimmte. Hartmut Richter wollte raus aus der DDR. Weil er das Gefühl hatte, dass sie ihn erstickte, wenn er geblieben wäre.

Gespannt hören die Zehntklässler der Peter-Jordan-Förderschule Hartmut Richter zu. Der heute 70-Jährige, der seit zwölf Jahren auf Einladung des VdK-Ortsverbands Selfkant die weiterführenden Schulen im gesamten Kreisgebiet besucht, um jungen Menschen zu erklären, wie grausam das sozialistische Land war, in dem er aufwuchs, hat viel erlebt.

Als Jugendlicher träumte er davon, frei zu sein und in den Westen fahren zu können. 1966 versucht er deshalb, über die Tschechoslowakei nach Österreich zu fliehen. Er wird gefasst und in das Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in der Potsdamer Lindenstraße gebracht. Da er in einem Brief an seine Eltern Reue vortäuscht, fällt das Urteil relativ glimpflich aus: Im Mai 1966 wird er zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Nach seiner Entlassung versucht er erneut zu fliehen. Diesmal, im August 1966, gelingt das riskante Vorhaben.

Der Berliner schwimmt durch den Teltowkanal. Um unentdeckt zu bleiben, trägt er ein dunkles Hemd. Vier Stunden, gerechnet hatte er mit 30 Minuten. „Bin ich hier im Westen?“ fragt er eine alte Frau, deren Auto der völlig entkräftete Schwimmer anhält. „Natürlich“, antwortet sie.

Hartmut Richter freut sich über das große Interesse der Hückelhovener Förderschüler an seiner spannenden Lebensgeschichte. Die Mädchen und Jungen der Abschlussklassen haben die DDR nie kennengelernt. Klassenlehrer David Mohr hat die Jugendlichen auf den ungewöhnlichen Zeitzeugen-Besuch aus der Hauptstadt vorbereitet. „Herr Richter kann viel mehr vermitteln als ich im Geschichtsunterricht“, sagt Mohr, der ganz hinten in der letzten Reihe des Klassenzimmers Platz genommen hat.

Nach seiner erfolgreichen Flucht in die Bundesrepublik beschließt der heute gefragte DDR-Referent, uneigennützig Menschen aus dem Osten zu helfen. Im Kofferraum seines Autos schmuggelt er nach und nach 31 DDR-Bürger in den Westen. Als er seiner Schwester Elke und ihrem damaligen Verlobten zur Flucht in die BRD verhelfen möchte, fliegt er auf. Grenzer kontrollieren den Wagen. Verhaftung, endlose Verhöre im Stasi-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen, das heute Gedenkstätte ist. Folter, perfide Zersetzungsmethoden. Isolation und Bespitzelung. Das Urteil: 15 Jahre Freiheitsentzug. Rund fünfeinhalb davon sitzt Hartmut Richter ab. Die Bundesrepublik kauft ihn im November 1980 frei für 100.000 D-Mark – Devisen, die die DDR gern nimmt.

„Hatten Sie Angst, als Sie durch den Kanal geschwommen sind?“ wollen die Schüler von ihrem Gast wissen. „Ja, hatte ich. Die Grenzer hätten mich erschießen können“, gesteht der Vater einer 27-jährigen Tochter, der seit vielen Jahren in Berlin-Charlottenburg lebt. „Aber ich hatte gemerkt, wie die DDR schon uns Schulkinder missbraucht hat, indem uns Hass anerzogen wurde.“

Der Kontakt in die Heinsberger Region entstand, als der Vorstand des 600 Mitglieder starken VdK-Ortsverbands Selfkant einer Einladung des damaligen Bundestagsabgeordneten Leo Dautzenberg nach Berlin folgte. Durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen führte damals Hartmut Richter. „Wir beschlossen, dass wir ihn zu uns holen würden, damit er insbesondere jungen Menschen die furchtbare Geschichte der deutsch-deutschen Teilung näherbringt“, sagt Ortsgruppenchef Frans Lipperts. Bis heute finanziert der Selfkant-Ableger des Verbands der Kriegsversehrten die Vorträge des Berliner Referenten an den Schulen im Kreisgebiet. Richter will wiederkommen im nächsten Jahr: „Damit sich nicht wiederholt, was damals passiert ist.“

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