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Neue Tagespflege der Lambertus gGmbH in Hückelhoven​: Den Alltag selbstbestimmt gestalten​

Neue Tagespflege in Hückelhoven : Den Alltag selbstbestimmt gestalten

Ein Projekt mit Modellcharakter: Die neue Tagespflege der Lambertus gGmbH ist ganz auf die Bedürfnisse von jungen Menschen mit Behinderung zugeschnitten. Jetzt wurde sie nach einjähriger Umbauphase eröffnet.

Im „Zockerraum“ darf gedaddelt werden, was die Bits und Bytes der Spielekonsole so hergeben. Ein großer Flachbildschirm visualisiert die virtuellen Welten, die eine Auszeit aus der Wirklichkeit verheißen – so ein bisschen Eskapismus darf schon sein. Warum auch nicht? Durch die bodentiefen Fenster dringt viel Tageslicht ins Innere. Bei Bedarf – wenn besonders viel Kontrast erforderlich ist – kann die Sonne aber auch ausgesperrt werden: Vorhang zu. Der Zockerraum gehört fest zur neuen Tagespflege „Check in“ für junge Menschen mit Behinderung, die die Lambertus gGmbH in Teilen des ehemaligen Hotels am Park an der Jülicher Straße eingerichtet hat. Es handelt sich dabei um ein Projekt mit Modellcharakter für die Region, jetzt wurde die Einrichtung nach knapp einjähriger Umbauphase eröffnet.

Max Rosen hat sich bei einem Unfall in einem Swimmingpool vor drei Jahren schwer verletzt – so schwer, dass er seitdem auf den Rollstuhl angewiesen ist. Vor seiner Verletzung verdiente er sein Geld als Baumaschinenführer, führte ein ganz normales Leben. Wer sich mit ihm unterhält, merkt schnell: Selbstmitleid ist seine Sache nicht. Statt mit dem eigenen Schicksal zu hadern, will Max sein Leben gestalten, wie viele junge Menschen. Weil er im Alltag auf Hilfe angewiesen ist, freut er sich riesig über die neue Tagespflege. Warum? „Ganz einfach: mehr Beschäftigung, weniger Langeweile“, sagt der 33-Jährige, der aus Schwalmtal stammt und stationär in einer Wohngruppe der Lambertus gGmbH in Hückelhoven lebt. „Hier sind ständig Leute, die sich um Dich kümmern und etwas mit Dir machen.“

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Die meisten Pflegeeinrichtungen in Deutschland sind nicht auf junge Menschen ausgerichtet, weil sich Pflegebedürftigkeit normalerweise erst im höheren Alter einstellt. Das ist ein echtes Problem, denn 20-Jährige haben andere Interessen und Bedürfnisse als 70-Jährige. Lambertus-Geschäftsführer Marcel Ballas spricht deshalb von einer „vergessenen Gruppe“. Aber in Hückelhoven ist sie nicht vergessen. Bei seiner Begrüßungsrede hob Ballas „mutige Entscheidungen“ hervor, dank derer die Tagespflege erst hätte entstehen können. „Wir sind unfassbar stolz“, so der Geschäftsführer, „Lambertus kann das nur leisten, weil wir ein tolles Team haben. Es wird auch hier nicht einfach werden, aber wir alle sind voller Zuversicht und freuen uns auf eine spannende gemeinsame Reise.“

Aus den Händen von Architekt und Lambertus-Aufsichtsratsmitglied Wolfgang Emondts nahm Ballas symbolisch den Schlüssel für das „Check in“ in Empfang. „Unsere Einrichtungen sind keine Verwahranstalten“, sagte Emondts. Sondern sie seien ein „Wohlfühlquartier für junge und alte Menschen“.

Beim Bau der neuen Tagespflege wollte das Lambertus-Team keine Kompromisse eingehen, alle Belange der jungen Zielgruppe sollte bis ins kleine Detail bedacht werden: Es gibt einen Fitnessraum, gesponsert von der Firma Frauenrath, und einen Werkraum für kreatives Arbeiten mit Holz und anderen Materialien. Im ehemaligen Tanzsaal empfängt Besucher eine Art Leitspruch an der Wand: „Verbinde Dich mit Dir selbst, um Dich mit anderen Menschen zu verbinden.“ Alle Bereiche sind ebenerdig erreichbar, auf den Toiletten gibt es Hebelifte für Rollstuhlfahrer. Leider habe sich vor Kurzem ein Einbruch ereignet, berichtet Pflegeleiterin Tanja Müschen. Diebe stahlen die gesamte Unterhaltungselektronik: VR-Brille, Playstation, Controller.

In einer Video-Botschaft sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann: „Es ist etwas Besonderes, was Sie in Hückelhoven geschaffen haben.“ Die Tagespflege ermögliche es jungen Menschen, in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben und tagsüber gut versorgt zu werden. Claudia Middendorf, Beauftragte der Landesregierung für Menschen mit Behinderungen, wies auf den steigenden Bedarf an Angeboten für junge Pflegebedürftige hin: „Im Dezember 2019 waren 20 Prozent der erfassten 4,1 Millionen Menschen unter 65 Jahre alt.“ Middendorf hofft darauf, „dass Ihr Angebot nicht einzigartig bleibt, sondern vielmehr Schule macht“. In Vertretung von Bürgermeister Bernd Jansen sagte Thorsten de Haas: „Auch uns als Stadt macht dieses Projekt stolz, steht es doch für unseren Slogan: immer anders.“