Wassenberg Letzter Wolf wurde 1835 im Kapbusch erlegt

Wassenberg · Der Wolf ist zurück in NRW. Dies bestätigte kürzlich eine DNA-Probe. 1835 wurde der bis dahin letzte Wolf NRWs im Kapbusch erlegt.

"Großmutter, warum hast du so große Ohren?" "Damit ich dich besser fressen kann!" So oder so ähnlich ging es im Märchen einem Rotkäppchenmädchen, das die Oma besuchen wollte und dabei auf einen haarigen Gesellen traf, der sich mit "Canis lupus" einen lateinischen Tarnnamen gegeben hatte, um zu verdecken, dass er ein schnöder Wolf war. Seit einem Monat sind zur Freude vieler Menschen zwei Wölfe in NRW heimisch geworden, im Dezember 2014 in Ostwestfalen und im Januar im Siegerland. In Birgelen tötete ein Wolfsrudel vor 300 Jahren einen vierjährigen Jungen. Und der letzte NRW-Wolf wurde 1835 im Kapbusch erlegt.

Ob der märchenhafte Isegrim mit den Ohren fressen konnte, ist nicht überliefert. Überliefert ist allerdings, dass zwischen 1645 und 1715 eine besonders grimmige Kälte auch im Land an der Rur in der so genannten "kleinen Eiszeit" (15. bis 19. Jahrhundert) Menschen und Tiere in Not brachte. Von Sibirien her kamen Kaltfronten, monatelang lagen die Temperaturen weit unter null Grad, Brennholz ging aus, sogar in Häusern erfroren Menschen, Rhein und Rur konnten mit Pferdefuhrwerken befahren werden.

Und da machte in Birgelen plötzlich die Schreckensnachricht die Runde, nach der Wölfe gesichtet worden waren, die vermutlich aus dem damals als Hort von "Canis lupus" bekannten Ardennen kamen. Und dass das so war, zeigte sich sowohl an Spuren im Schnee als auch an gerissenen Tieren, so wurde der Wachhund des so genannten "Romper Hofs" gefressen.

Besonders schlimm traf es eine Familie Adams aus Birgelen, deren vierjähriger Sohn sich abends zunächst unbemerkt vor die Tür gewagt hatte und von den Wölfen angefallen wurde. Der Vater stürzte aus dem Haus und schlug auf die Wölfe ein, konnte seinen Sohn aber nur noch tot ins Haus bringen.

Nach weiteren Übergriffen berieten die (männlichen) Ortsverantwortlichen über Abhilfe, man fasste den heroischen Beschluss, eine Treibjagd auf das wilde Rudel zu veranstalten. Die Frauen des Dorfs hatten sich derweil zu einem Bittgang zur wenige Jahre zuvor errichteten Marienkapelle am Birgeler "Pützchen" entschlossen. Zum Start des Bittgangs waren auch alle Männer zur Stelle - die hatten einen Gang zum Pützchen als die heroischere Variante gegenüber der Treibjagd erkannt.

Und dann passierte etwas, das die Bittgänger beiderlei Geschlechts als die Erhörung ihres Gebetsmarsches definierten: Unter den Wölfen brach die Tollwut aus, das Rudel verendete. Und das Pützchen wurde zu einer Art Wallfahrtsort, an dem Menschen Hilfe sicher auch gegen Wölfe im Schafspelz oder solchen in Omas Nachthemd erfleh(t)en.

Sind in NRW seit Dezember 2014/Januar 2015 wieder zwei erste Wölfe heimisch, hat sich jetzt herausgestellt, dass der letzte zuvor in diesem Bundesland am 24. April 1835 im Hückelhoven-Hilfarther Kapbusch erlegt wurde. Bisher führt das zuständige Landesumweltministerium den am 19. Januar 1835 beim münsterländischen Ascheberg erlegten Isegrim als letzten Rotkäppchen-, Oma- und Sieben-Geisslein-Schreck Nordrhein-Westfalens. Da muss die Geschichte umgeschrieben werden, da der 24. April 1835 offiziell belegt ist, er steht in der Chronik des Hilfarther Bürgermeisters, die ist als amtliches Dokument maßgebend.

(RP)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort