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Hückelhoven: "Ich muss weiterleben, um zu berichten"

Hückelhoven : "Ich muss weiterleben, um zu berichten"

Was Menschen Menschen antun können. Wie er das Grauen überlebte. Das schildert ein Schindler-Zeitzeuge in der Aula.

Als Zehnjähriger lebte er im Ghetto Bochnia bei Krakau, 1943 deportierten die Nazis den 14-Jährigen samt Familie ins KZ Plaszow. Bei seiner Befreiung war er 15 und wog 27 Kilo. War mutterseelenallein. 65 Familienangehörige umgebracht, eine Cousine und ein Onkel waren geblieben. Michael Emge (heute 84) überlebte, weil sein (ursprünglich polnischer) Name auf Schindlers Liste stand. Der gleichnamige Film brachte ihn später dazu, seine Geschichte zu erzählen. Einen lebendigen Eindruck von unsäglichem Leid vermittelte er am Freitag Schülern des Gymnasiums.

"Wir wollen die Erinnerung als Mahnung wach halten", sagte Schulleiter Arnold Krekelberg. "Wir wollen sensibel machen für unsere heutige Verantwortung für ein friedliches Miteinander, das sich gegen Intoleranz und Menschenfeindlichkeit zur Wehr setzt." WDR-Redakteurin Angela Krumpen begleitete Emge und las Passagen aus ihrem Buch "Spiel mir das Lied vom Leben". Es dokumentiert die Freundschaft des alten kranken Mannes mit einem Geigen-Wunderkind. Die Schüler sahen einen Trailer zum Schindler-Film, lauschten der markanten Geigen-Melodie von Itzhak Perlman. Die hatte auch Judith (16) als Zehnjährige gehört - und sie wollte mehr wissen über die Geschichte, die Menschen so bewegt: "Ich will verstehen, was da passiert ist, damit ich das spielen kann." Als Zwölfjährige begegnet sie Michael Emge, reist mit ihm nach Polen, wo "das Schlimme" geschah. Dort finden sie die Villa von Amon Göth, dem Lagerkommandanten. Unter seinem Balkon werden für Emge Bilder wach und die Angst: Göth nach durchzechter Nacht dort oben mit Gewehr, wie er auf Menschen schießt, wie der Junge sich erst vorbeitraut, wenn er weg ist. Tränen fließen. Und Judith versteht.

Emges Mutter hat bei Schindler gearbeitet. Im Film, sagt der Zeitzeuge, sind nur wenige Episoden real: "Emilie Schindler hat uns gerettet. Hat Essen geholt, Kranke gepflegt." Er erzählt von Kommandant Franz Müller, der dem Jungen seinen Schäferhund Rex anvertraut, ihn zum Hundepfleger ernennt. Rex hütet sein Leben, als er auch Dänische Doggen im KZ, abgerichtet mit dem Befehl "Fass den Judd", versorgen soll. Als 700 Kinder auf dem Appellplatz antreten, schickt ihn jemand zum Zwinger, auch über Nacht. Selektion. Die Kleinen sollten ins Gas. Schreiende Mütter vor den Lkw, Gewehrsalven, aus Lautsprechern quäkt ein jüdisches Kinderlied "A yidische Mame". Das erfährt Emge am nächsten Morgen.

Was Kraft zum Durchhalten gab, fragen Schüler. "Tricks, sich durchzuschleichen", das Leben gut organisieren, Hoffnung, später wieder Musik machen zu können. Emge glaubt an Schicksal: "Ich muss weiterleben, um zu berichten."

(RP)