Hückelhoven: Frauengemeinschaft Barbara nach 84 Jahren aufgelöst

Ende nach 84 Jahren : Frauengemeinschaft: Kapitel geschlossen

Mit einer schlichten Feier löste sich nun die Frauengemeinschaft der früheren Pfarre St. Barbara Hückelhoven auf.

Es begann am 21. Januar 1934 – es endete am 13. Oktober 2018: die Frauengemeinschaft der früheren katholischen Pfarre St. Barbara in Hückelhoven mit der hellen Kirche auf dem „Wadenberg“ am Beginn der Bergmannssiedlung. Birgit Henschke schloss am vergangenen Samstag als letzte Vorsitzende das Kapitel der sozialen Ausstattung der Pfarre, die selbst bereits vor zwei Jahren vom Bistum Aachen aufgegeben worden ist.

Gut 70 Frauen, darunter einige ganz junge, hatten sich im Saal unterhalb des Kirchenschiffs eingefunden, um den Abgesang auf einen Teil der Bergbaugeschichte anzustimmen, Pater Anton Steinberger las dazu eine Messe – ein „letztes Abendmahl“, wie einige Teilnehmerinnen sarkastisch anmerkten. Die ganz große Wehmut lag nicht über der Veranstaltung – schließlich hatte man sich einige Jahre auf die Situation vorbereiten können, der Kampf um die eigenständige Pfarre war ebenda bereits verloren. Und das nicht nur wegen des beendeten Bergbaus der Hückelhovener Zeche Sophia-Jacoba 1997, Arbeitgeber für Männer und Frauen aus der vielfältigen Bergmannssiedlung auf Waden- und Hansberg.

Gertrud Handschuhmacher verzeichnet die Chronik als erste Vorsitzende – an sie und die gesamte Geschichte der Frauengemeinschaft im früheren Neu-Hückelhoven erinnerte Birgit Henschke in einer schlichten Feier, Annalena Filbrand hatte eine Beamer-Fotoschau seit 1977 mit vor allem den geselligen Veranstaltungen zusammengestellt. Eine Erbsensuppe war ebenfalls ein Gemeinschaftsakt, bevor die Fotos mit Musik unterlegt gezeigt wurden, Trude Herr mit ihrem „Niemals geht man so ganz“ und Wolfgang Niedecken sowie Tommy Engel, stand quasi über dem Pfarrsaal.

Die Barbarakirche war am 24. Dezember 1933 in einer Festmesse geweiht worden als Rektoratspfarre der Lambertus-Kirche in Alt-Hückelhoven, deren Priester Gerhard Frenken den Gottesdienst feierte. Und Frenken war es auch, der zur Gründung der Frauengemeinschaft bereits einen Monat nach der Weihe geladen hatte – zu einem Zeitpunkt, zu dem die Barbarakirche noch in der baulichen Fertigstellung stand, große Teile der Inneneinrichtung und der Ausschmückung noch fehlten. Die Gründung des „Frauen- und Müttervereins an St. Barbara“ (FMV) entsprach zumindest dem katholischen Zeitgeist und dem Arbeitsauftrag: „… ist ein Zusammenschluss von Frauen, die als einzelne wie in Gemeinschaft ihre Verantwortung und Aufgabe im Bereich von Familie, Kirche und Gesellschaft zu übernehmen bereit sind.“ Am Gründungstag lag die Übergabe der politischen Macht in Deutschland durch Reichspräsident Hindenburg an die Nationalsozialisten gerade mal ein Jahr zurück. Insofern war die Frauengemeinschaft auch ein Stabilitätsfaktor gegen die Nazis.

Bald nach der Gründungsversammlung folgte Gertrud Handschuhmacher Johanna Diestelhorst als Vorsitzende nach – die gestellten Aufgaben entsprachen ganz dem damaligen Rollenbild der Frau: Für Aufgaben der Pfarre wurde gehäkelt und gestrickt, sich um die Messdienerkleidung ebenso gekümmert wie um Hilfsbedürftige, man sorgte für Abwechslung in deren Alltag, schmückte Altäre und Straßen für die Fronleichnamsprozession, pflegte die eigene Gemeinschaft und Entspannung im Wochentreff, bei Ausflügen und Wallfahrten.

Johanna Diestelhorst führte den FMV bis zur ihrem krankheitsbedingten Abschied 1968, gefolgt von Else Kawalek. Die Theatergruppe wandelte sich in einem verjüngten Team zur Veranstalterin eigener Karnevalssitzungen, Wallfahrten führten zu den in der ganzen Region bekannten Zielen, man unterstützte weiterhin die Pfarre in Hinsicht auf Ehe, Familie und Kirche. Der Frauen- und Mütterverein wandelte sich zur Frauengemeinschaft, FG.

1984 übernahm dann Helga Koch den Vorsitz, die für die rund 250 Mitglieder der FG 1986 eine Adventsfeier einrichtete, an der die heutige und letzte Vorsitzende Birgit Henschke bereits mitwirkte, während die Karnevalssitzungen schon zwei Mal angeboten werden mussten wegen der Nachfrage, die bald weit über Hückelhoven hinausging. Kirche und Karneval – das ging zusammen. Humor, Lachen, Glauben und Gebet waren das, wofür die Barbarafrauen und ihre Gäste lebten, nicht selten waren gut 250 Frauen an den Karnevalsterminen dabei. Die Auftretenden nannten sich die „Spielerfrauen“, Frauen, die auf der Bühne spielen und nicht Begleitung von Fußballstars sind.

1992 war man erstmals als „Barbaraner“ beim Rosenmontagszug in Hückelhoven dabei, mit den benachbarten „Schleeanern“ (Straße „In der Schlee“) auf dem Wagen, in den Folgejahren als Fußgruppe. 2016 wurde die Barbarkirche entwidmet, auch das Jahr für die Barbaraner(innen), dem Sitzungskarneval „Tschö“ zu sagen. Es endeten auch die zahllosen Beiträge der FG zum Glaubensleben in der Hückelhovener Siedlung, die mit dem Zuzug zahlreicher Muslime auch darin einen Strukturwandel erlebte, die Zahl der Katholiken nahm erheblich ab. Wie der Bergbau wurde auch die Barbara-Pfarre mit ihren Sparten destrukturiert, der Kirchen-Komplex steht noch, Leben ist aber lediglich noch im angebauten Kindergarten.

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