Erste Transfrau im Presbyterium Hückelhoven „Meine Mutter sagte immer, dass sie drei Kinder hat, von jeder Sorte eins“

Hückelhoven · Ihre Stimme ist außergewöhnlich tief und ihr Engagement ebenso groß. Früher ein katholischer Mann, ist Dagmar Kohnen jetzt als Frau in der evangelischen Kirche aktiv.

 Dagmar Kohnen kann sowohl mit der Flöte als auch mit der Säge geschickt umgehen.

Dagmar Kohnen kann sowohl mit der Flöte als auch mit der Säge geschickt umgehen.

Foto: Ruth Klapproth

Säge und Flöte. Dagmar Kohnen hat zum Interviewtermin in der evangelischen Kirche beides mitgebracht. Dem Instrument, das sie wie den schottischen Dudelsack beherrscht, entlockt die 57-Jährige einige Melodien. Das Werkzeug nutzt sie, um in der Kinder-Kirche, die während der Gottesdienste als Miniatur-Spieleparadies dient, eine Bank zu reparieren.

Eine Frau mit handwerklichem Geschick, die auch weiß, wie man auf der Siemens-Prüfstrecke in Wildenrath die neuen Züge lenkt – hier ist Dagmar Kohnen beschäftigt. Und: die früher mal bei Sophia-Jacoba das schwarze Gold gefördert hat. Frauen unter Tage gab es im 1997 stillgelegten Bergwerk nicht. Denn: Dagmar Kohnen war früher ein Mann.

Dass sie transgender war, merkte die Siemens-Reklamationsmanagerin, die im Zuge der Stilllegung der Zeche zu ihrem jetzigen Arbeitgeber kam, schon ziemlich früh. „Meine Mutter sagte immer, dass sie drei Kinder hat, von jeder Sorte eins“, erinnert sich die ehemalige Energieanlagenelektronikerin, die von sich selbst sagt, dass ihr strategisches Arbeiten besonders liegt. Ihre Eltern und Geschwister verstanden, was im damaligen Bruder, der zur Schwester wurde, vorging. Ihr Umfeld verstand es oft nicht. Dagmar Kohnen, die sich im Jahr 2000 outete, trat aus der katholischen Kirche aus. Sie berichtet von einem schlimmen Erlebnis auf dem Weltjugendtag, als man die Transgender-Gruppe bat, zu verschwinden, um dem Papst diesen Anblick zu ersparen. Aber schon vorher war sie „maßlos enttäuscht“, wie sie ihren damaligen Gefühlszustand beschreibt. „Bei der Firmung hieß es, dass wir nicht fragen, sondern glauben sollten.“

Dann der Neustart vor sechs Jahren, als ihre Ehefrau 2018 „kirchlichen Anschluss suchte“, wie sie es nennt. Einer Trauergruppe wollte sie sich damals gerne anschließen, eventuell gemeinsam mit Dagmar Kohnen an Taizé-Gottesdiensten teilnehmen. So gelangte die Heinsbergerin, die in Wassenberg aufwuchs, zur evangelischen Kirchengemeinde in der Hückelhovener Haagstraße. Hier ist Kohnen, die ihren früheren Vornamen nicht verraten möchte, weil sie mit dem Kapitel längst abgeschlossen hat, inzwischen angekommen, hat so etwas wie eine religiöse Heimat gefunden. Singt im evangelischen Kirchenchor mit, deren Mitglieder sich „Haag-Singers“ nennen. Stimmlage: Bass. „Eine Frau mit einer so schönen tiefen Stimme“, sagen die Zuhörer dann manchmal.

Dagmar Kohnen klärt nicht immer auf, möchte nicht ständig ihre komplette Lebensgeschichte erzählen. Die evangelische Kirche ist für sie ein Ort, an dem sie sich wohlfühlt. „Ich bin so etwas wie die heimliche Hausmeisterin“, sagt Kohnen, die einen langen Gutachter- und Ärztemarathon durchlief, um von ihrer Krankenkasse grünes Licht für die Operationen zur Geschlechtsumwandlung zu erhalten. Sie ist Delegierte bei der Kreissynode, gehört dem aktuellen Presbyterium an, in das sie gewählt wurde, nachdem sie vor rund zweieinhalb Jahren schon nachrückte für ein Mitglied, das aus beruflichen Gründen ausscheiden musste.

Dagmar Kohnen weiß, wie man die Glockenanlage der evangelischen Kirche programmiert – weil Technik nun mal genau ihr Ding ist. Das versetzt auf großen Messen schon mal die männliche Fachwelt ins Staunen. Aber auch bei der turnusmäßigen Routineuntersuchung für Bergmänner, mit der die anerkannte Berufskrankheit Steinstaublunge möglichst frühzeitig erkannt werden soll, sorgte sie bereits für Irritationen. „Die Arzthelferin nahm mich dann beiseite und fragte, ob sich bei mir etwas verändert hat“, berichtet die frischgebackene Oma schmunzelnd – ihre Tochter aus erster Ehe ist Mutter eines kleinen Mädchens geworden.

Bei Siemens engagierte sich die staatlich geprüfte Elektrotechnikerin, die zurzeit neben ihrem Job in Düsseldorf Theologie studiert, auch schon als Diversity-Beauftragte. Bei einer Gesprächsrunde in der Erkelenzer Leonhardskapelle war sie mit von der Partie. „Reden, das kann ich“, sagt sie überzeugt.

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