Foodsharing im Kreis Heinsberg Elf Tonnen Essen gerettet und verteilt

Kreis Heinsberg · Die im Januar gestartete Foodsharing-Initiative im Kreis Heinsberg wächst: Es gibt jetzt neun Verteilstellen. Elf Tonnen Essbares wurden fair geteilt statt weggeworfen. Auch die per App nutzbare Aktion „To good to go“ weitet sich aus. Bäckereien, real und eine Tankstelle machen mit.

 Supermärkte und Discounter geben an ein privates Netzwerk nicht verkaufte Lebensmittel oder solche mit abgelaufener Mindesthaltbarkeit ab. Verteilt wird von privat an privat.

Supermärkte und Discounter geben an ein privates Netzwerk nicht verkaufte Lebensmittel oder solche mit abgelaufener Mindesthaltbarkeit ab. Verteilt wird von privat an privat.

Foto: U. Filter

An Heiligabend gab es keine besondere „Bescherung“, sondern das, was es zu festen Terminen wöchentlich immer gibt: Obst, Gemüse und verschiedenste andere Lebensmittel, die im Supermarkt nicht verkauft wurden und von „Fair-Teilern“ abgeholt werden durften. Wilhelm Körfer in Rurich, der die Initiative Foodsharing im Kreis Heinsberg im Januar aufgebaut hat, war an Heiligabend aktiv: „Wir hatten ein Übermaß an Orangen und Kohlrabi, viele Müsli-Riegel und Brote“, berichtet er. Geöffnet ist seine Verteilstelle in Rurich, Kippinger Straße 9, auch am heutigen Montag und an Silvester.

Die Keimzelle für das Foodsharing in der Region befand sich in Linnich. Dort war der Frührentner aus Rurich ebenfalls aktiv, nach Stationen als Fahrer bei der Tafel oder Helfer bei Amos. Aus gesundheitlichen Gründen aus dem Arbeitsleben ausgeschieden, wollte er „etwas Gutes tun, das Sinn macht und bei dem ich einen Effekt sehen kann“. Den sieht er jetzt, Woche für Woche.

 Sie sind Fair-Teiler: Wilhelm Matt Körfer, Botschafter für Foodsharing im Kreis Heinsberg, und Santana Krause, Betriebsverantwortliche in Wassenberg. In Rurich sichten sie frisch vom Container gerettete Lebensmittel.

Sie sind Fair-Teiler: Wilhelm Matt Körfer, Botschafter für Foodsharing im Kreis Heinsberg, und Santana Krause, Betriebsverantwortliche in Wassenberg. In Rurich sichten sie frisch vom Container gerettete Lebensmittel.

Foto: Ruth Klapproth

Für Günter Jansen aus Wegberg, der sein privates Projekt „Futterkiste“ nennt, war Heiligabend Anlass zum Danken: „Ein großes Danke­schön geht an die Wohngemeinschaft Beeckerwald, die uns den Stellplatz für die Futterkiste zur Verfügung gestellt hat“, schrieb er in der Wegberger Facebook-Gruppe. „Danke an alle Abholer, die zu den Futterkisten gehen, um sich etwas herauszunehmen, an die Leute, die die Futterkisten immer befüllen. Danke an alle, die so toll mitmachen, dass es hier in Wegberg funktioniert.“ Neben der Kiste am Vereinsheim im Beeckerwald sucht er nach einem weiteren Standort innerhalb des Grenzlandrings. Was aus geretteten Lebensmitteln alles gezaubert werden kann, verrät er in der Gruppe „Günters Foodsharing Rezepte“.

 Eine ganze Kiste Brötchen vom Vortag wartet auf Mitnehmer. Abends liefert eine Bäckerei wieder nicht verkaufte Ware.

Eine ganze Kiste Brötchen vom Vortag wartet auf Mitnehmer. Abends liefert eine Bäckerei wieder nicht verkaufte Ware.

Foto: Gabi Laue

Rund 120 Ehrenamtler sind in der Foodsharing-Gruppe für den Kreis Heinsberg ständig im Einsatz, das wechselnde Angebot macht per Nachrichtenkette schnell die Runde. „Wir sind jetzt größer vernetzt“, berichtet Wilhelm „Matt“ Körfer. „Manchmal kommen auch Leute aus dem Nachbarkreis zum Retten.“ Neun Verteiler gibt es mittlerweile in Hückelhoven, Wassenberg, Myhl, Körrenzig, Baal, Gerderath und Geilenkirchen. Mit dem dortigen Bürgertreff, Gerbergasse 23, hält der Ruricher engen Kontakt. Auch hier wollen Menschen ein Zeichen setzen und aktiv gegen die Lebensmittelverschwendung wirken. Im Bürgertreff sind regelmäßig Fair-Teiler und ihre „Sammelergebnisse“ zu finden. Unter dem Grundsatz „Geben und Nehmen“ wird an alle, die zu viel eingekauft haben, appelliert: „Nicht wegwerfen, teile es. Spende Dein Essen.“ Jeder kann hier frische, ungeöffnete und verzehrbare Lebensmittel, Konserven und Brot ablegen für andere. Jeder kann sich dort Lebensmittel mitnehmen – ohne Geld, Nachweis oder Tausch.

Wenn Wilhelm Körfer, so wie neulich, eine „große Rettung an haltbaren Lebensmitteln“ ergattert hat, dann teilt er mit anderen Organisationen. „Einen Teil haben wir der Aachener Obdachlosenhilfe gebracht, ein Teil ging an die Ratheimer ,Engel in Zivil’, die in Not geratenen Familien helfen“, erzählt der 54-Jährige. Obdachlose profitieren von der Straßenverteilung, wobei es zuweilen sogar Tierfutter für ihre Vierbeiner gibt. Informationsarbeit leisten die Lebensmittel-Retter auf Wochenmärkten. Dem Kreis Heinsberg hat Matt Körfer Infomaterial zukommen lassen und bietet Unterstützung bei Ausstellungen oder Vorträgen an.

Eine andere Variante des bewussten Umgangs mit Lebensmitteln ist die App „To good to go“ (App-Store). Sie nennt Anlaufstellen, wo zu bestimmten Uhrzeiten „Überraschungstüten“ im Supermarkt oder Menüpakete aus Restaurants für kleines Geld abgegeben werden. Weil immer mehr Menschen sich dafür einsetzen, Essen nicht zu verschwenden und wegzuschmeißen, boomt die App ebenso wie Foodsharing und ist nach großen Städten nun auch im ländlichen Raum angekommen. Im Kreis Heinsberg macht der real-Markt mit, eine Bäckerei in Übach-Palenberg und die Star-Tankstelle in Selfkant-Wehr.

Für sein Foodsharing-Netzwerk zieht Wilhelm Körfer Bilanz: „Wir haben 2019 elf Tonnen Lebensmittel gerettet und verteilt.“ Damit will er im neuen Jahr fortfahren.

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