Hückelhoven: Finanzen wieder in den Griff bekommen

Hückelhoven : Finanzen wieder in den Griff bekommen

Tonja Schreck leitet jetzt die Schuldner- und Insolvenzberatung von Diakonie und Arbeiterwohlfahrt. Ihr Jahresbericht für 2017 zeigt eine konstant hohe Nachfrage nach Beratung bei einem zugleich leichten Rückgang der Insolvenzfälle.

"Es geht darum, die Lebenssituation von Menschen zu verbessern", umriss Superintendent Jens Sannig die soziale Aufgabe der Schulder- und Insolvenzberatung, die das Diakonische Werk und die Arbeiterwohlfahrt tragen. Leiterin Tonja Schreck nannte mit 1478 Beratungsfällen und 814 Neuaufnahmen im Vorjahr konstante Zahlen in der Arbeit der Hückelhovener Berater. Einen leichten Rückgang gab es bei den Insolvenzen, während eine hohe Zahl (593) an Pfändungsschutzkonto-Bescheinigungen ausgestellt wurde.

Jens Sannig streifte bei der Vorstellung des Jahresberichtes gesellschaftliche Tendenzen wie steigende Preise auf dem Wohnungsmarkt und die Tatsache, dass viele Menschen unter 2000 Euro brutto verdienen, ihre Krankenversicherung nicht mehr bezahlen können. "Ich hätte nie gedacht, dass in unserem Land Hartz IV nicht zum Leben reicht", sagte Sannig. "Das kann und darf eigentlich nicht sein." Die Beratungsstelle helfe überschuldeten Menschen, "ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen."

Alle Ratsuchenden, die sich im Vorjahr an die Schuldnerberatung wendeten, erhielten innerhalb von maximal drei Wochen einen Termin zum Erstgespräch. Fester Bestandteil der Arbeit sind Beratungen zum Pfändungsschutz-Konto. Die Zahl der Fälle hatte sich in den Vorjahren beständig erhöht, dann konnte 2017 mit 593 Bescheinigungen ein leichter Rückgang von 648 im Jahr 2016 verzeichnet werden. "Diese Menschen kommen nicht, um Schulden zu regulieren, sondern um ihr Konto vor Pfändung zu schützen", erläuterte Tonja Schreck.

Als Ursache von Überschuldung gibt es meist nicht nur einen Auslöser. Die Gründe sind vielschichtig: dauerhaft wenig Einkommen, Jobverlust, Trennung/Scheidung, Krankheit, Konsumverhalten, gescheiterte Selbstständigkeit. Mit dem Ansatz der sozialen Schuldnerberatung kümmern sich die Mitarbeiter nicht nur um Existenzsicherung, Schuldnerschutz und Schuldenregulierung, sondern schauen auch auf psychosoziale und familiäre Aspekte bei den Ratsuchenden.

Die soziale Schuldnerberatung rangiere vor der Insolvenzberatung, da gebe es weniger Neu-Anträge bei den Amtsgerichten, erläuterte Tonja Schreck. Die Beratung ziele darauf ab, die elementaren Bedürfnisse der Einzelpersonen und Familien abzusichern: "Es geht um Stabilisierung, Aufklärung und Grundlegendes: Ist noch genug Geld übrig für Miete, Strom und um den Kühlschrank zu füllen?" Der Superintendent appellierte an die Menschen, die Schulden drücken, "sich früher mit der Situation auseinander zu setzen und nicht erst zu kommen, wenn gar nichts mehr geht". Sie sollten sich erklären lassen, welche Möglichkeiten der Hilfe es gibt. Bei der Schuldenhöhe kommt knapp die Hälfte der Haushalte auf unter 10.000 Euro, bei 29,9 Prozent summieren sich die Ausstände auf bis zu 25.000 Euro, bei 12,9 Prozent auf bis zu 50.000, bei 6,5 Prozent bis zu 100.000 und bei 3,5 Prozent auf über 100.000 Euro. Wer mehr verdient, bekommt auch größere Kredite, einkommensschwache Haushalte haben oft kleine Schuldsummen, aber viele Gläubiger. Die Betroffenen verlieren irgendwann den Überblick und erkennen zu spät, dass sie ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen können. Das ist Alltagsgeschäft für Beraterin Angelika Kusch-Fischer: "Das Einkommen ist oft dauerhaft zu gering, um die Schulden zu tilgen."

Aufklärung zum Umgang mit Geld und Konsum müsse noch früher ansetzen, in der Schulzeit, forderte Awo-Geschäftsführer Andreas Wagner. "Was lerne ich in unserem Schulsystem fürs Leben? Was nützt mir Goethes Faust, wenn ich nichts zu beißen habe?" Im Kreis Düren gebe es 1,1 Stellen nur für Präventionsarbeit, merkte Johannes de Kleine an, der Pressesprecher des Kirchenkreises Jülich. Die Anregung notierte Astrid van der Kruijssen, stellvertretende Leiterin des Kreissozialamtes, die an dem Pressegespräch zur Jahresbilanz der Schuldnerberatung für den Kreis Heinsberg teilnahm.

(gala)
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