Docfest im Barbarastollen 2019: drei Filme aus der Kohlezeit in Hückelhoven

An Schacht 3 Hückelhoven : Erinnerungen an den Kampf um Sophia

Margret Jankord, damals Brack, kämpfte in der Fraueninitiative Sophia- Jacoba für den Erhalt der Zeche. Für die Film- Veranstaltung Docfest kam sie in die Heimat zurück.

Margret Jankord zieht an ihrer Zigarette und sieht sich um. Vor 25 Jahren hat sie der ehemaligen Zechenstadt freiwillig den Rücken gekehrt. Seitdem war sie nie mehr da. Hat sich ein neues Leben im nahegelegenen Niederkrüchten aufgebaut nach der Trennung von Ehemann Norbert Brack. „Hückelhoven ist schön geworden, so modern. Ich find‘s gut hier“, sagt sie und zeigt auf den Friedrichplatz gegenüber, wo sie den Kindergarten besucht hat, die damalige Werkseinrichtung der Zeche Sophia-Jacoba.

Sie hatte um Bedenkzeit gebeten, als der unerwartete Anruf der Filmemacher kam. Dann sagte sie zu. Zurück nach Hückelhoven, sehen, wie ihre alte Heimat sich verändert hat. Die Zechenhäuser an der Sophiastraße sind längst abgerissen, die Sauna nebenan geschlossen. Hier wuchs sie auf. Hier wurde die engagierte Mitstreiterin der Fraueninitiative Sophia-Jacoba später für die dokumentarische Fernsehserie „4 im Revier“ entdeckt. Die vier Darsteller einte das gleiche Schicksal: Die Steinkohlenzechen Emil Mayrisch in Siersdorf (Aldenhoven) und Sophia-Jacoba in Hückelhoven waren akut von der Schließung bedroht.

Über mehrere Jahre ließ sich die heute 54-Jährige von dem Filmteam begleiten. Für das Docfest, einen kleinen „Ableger“ des Dokumentarfilmfestivals Maastricht, dessen Konzept vorsieht, besondere Filme an besonderen Orten in der Euregio zu zeigen, hat der Aachener Produzent Michael Chauvistré Szenen aus den 22 Folgen von „4 im Revier“ zusammengeschnitten. Ein Kölner Privatsender strahlte die Doku Anfang der 1990er-Jahre aus.

Der Kampf der Kumpel und ihrer Familien für den Erhalt der Zeche. Sie halten sich an den Händen, bilden eine lange Menschenkette. Margret Jankord, damals noch Brack, und ihre Mitstreiterinnen aus der Fraueninitiative SJ ketten sich vor dem Bonner Bundeswirtschaftsministerium an. Fahren mit dem Reisebus nach Brüssel – hier tagt zu diesem Zeitpunkt der zuständige Energieausschuss des Europaparlaments. Die Frauen tragen die weiße Arbeitskluft ihrer Männer, die blauen Helme und orangefarbenen Halstücher, die damals schnell zu ihrem Erkennungszeichen wurden. Sie kämpfen entschlossen über viele Jahre. „Sophia-Jacoba darf nicht sterben“ und „Wir können nicht leben ohne Sophia-Jacoba“ steht auf ihren Transparenten.

Margret Jankord bereut diese Zeit nicht. Die gelernte Konditoreifachverkäuferin, die heute als Altenpflegerin tätig ist, spürte, dass sie sich in der Zeit des harten Arbeitskampfes selbst weiter entwickelte. Dass sie doch leben konnte ohne Sophia-Jacoba. „Diese Erfahrung hat mich verändert, mich erwachsener gemacht. Eigentlich wollten unsere Ehemänner damals nicht, dass wir Frauen arbeiteten. Sie empfanden das so, als wenn sie selbst nicht in der Lage gewesen wären, ihre Familien zu ernähren.“ Es kriselte schon während der Dreharbeiten, erzählt sie dem Publikum beim Filmfestival freimütig. Trennung, Scheidung. „Ich bin noch im Job. Ich mache das gerne. Alles ist gut“, gibt sie Einblicke in ihr Privatleben bei ihrer Rückkehr nach Hückelhoven. Mit ihrem damaligen Mann Norbert lebte sie in der Brassertstraße.

Filmproduzent Michael Chauvistré zeigt sich begeistert vom Material, das im Archiv des Fördervereins Schacht 3 im Regal schlummerte: „Ein Blick in die Schatzkiste“ – so beschreibt er die Zusammenarbeit mit Detlef Stab, dem Vorsitzenden des Fördervereins, und den ehemaligen Kumpeln von Schacht 3. Von „kleinkörniger Kohle, die fließt“, erzählt der Werbefilm, der Anfang der 1980er-Jahre im Auftrag von Sophia-Jacoba entstand. Von preisgünstigem Brennstoff, gering anfallender Asche und Heizflächen, die besonders einfach zu reinigen seien. Die orangefarbenen Lkw des Hückelhovener Transportunternehmens Theodor Neidig brachten das schwarze Gold zu den Kunden.

Eine kleine Zeitreise, zurück in die Phase, als das Bergwerk mit modernster Technik nicht nur die Andreas-Schule in Neuss belieferte, sondern auch Abnehmer in Frankreich und Belgien fand, die auf die Heizöfen und Eierkohlen aus Hückelhoven setzten. Auch Erwin Dahlmanns, Vorsitzender des Kreisausschusses für Kultur, Partnerschaft und Tourismus, der Landrat Stephan Pusch vertrat, war begeistert. Der Kreis Heinsberg unterstützt das Docfest, das im vergangenen Jahr die Selfkantbahn als ungewöhnlichen Veranstaltungsort aussuchte. Nach den positiven Erfahrungen werde man das Projekt auch weiterhin fördern. „Ende der 1960er-Jahre bauten meine Eltern ein Haus mit Kohle-Zentralheizung“, erinnerte er sich. „Mein Bruder und ich durften die angelieferte Kohle immer in den Keller befördern.“

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