Hückelhoven/Wegberg: 20 Jahre nach Sophia-Jacoba - wie ein Neuanfang gelang

Hückelhoven/Wegberg : 20 Jahre nach Sophia-Jacoba - wie ein Neuanfang gelang

Der Abschied von Sophia hat Peter Zimmermann "Seelenschmerzen" bereitet. Doch der Zechentod war auch der Auslöser, seinem Leben eine völlig neue Richtung zu geben. Er arbeitet heute als Erzieher.

Würde die Zeche je wieder aufmachen, wäre Peter Zimmermann auf der Stelle vor Ort, unter Tage. Doch das wird nicht geschehen. Im März ist es 20 Jahre her, dass die letzte Kohlenlore bei Sophia-Jacoba zu Tage gefördert wurde. Die Schließung der Grube hat dem Leben des heute 60-Jährigen eine Wende gegeben. Von 1980 bis zum Ende hat "der Pit", wie ihn Kumpel nennen, auf Sophia-Jacoba gearbeitet. Heute wohnt er in Klinkum und ist Erzieher in einer Wohngruppe des Landschaftsverbandes.

Auf dem Luftbild um 1955 standen noch drei Fördertürme.. Foto: HELDENS (Archiv)/luftbild: LAASEr

"Meinen Arbeitsvertrag für die Zeche Auguste Victoria habe ich noch zu Hause", erzählt der ehemalige Kumpel. Angenommen hat er das Angebot der Übernahme damals nicht. Zimmermann hatte nach einer Lehre als Kfz-Mechaniker in der Hydraulikabteilung gearbeitet, "unter Tage, im Revier, direkt vor Kohle", sagt er. Beim Untertage-Streik vor 25 Jahren hat er mit den Kumpeln gekämpft für den Zechenerhalt - erreicht wurde nur ein Aufschub. 1997 kam das Aus. Peter Zimmermann, der das Bergbauzeichen Schlägel und Eisen noch als goldenen Anstecker trägt, hat mit dem Grubenhemd nicht die Liebe zu diesem einzigartigen Beruf abgelegt. Der Abschied von Sophia schmerzt: "Das tat weh. Das tat richtig weh. Das waren Seelenschmerzen!"

Die letzte Frühschicht fährt am 26. März 1997 aus. Foto: P. KERKHOFF (ARCHIV)

Sein Opa und Onkel waren auf der Zeche. Wenn er heute Fernsehbilder von Bergarbeitern sieht, melden sich wieder Zweifel, ob es richtig war, das Angebot der Ruhrkohle für Marl auszuschlagen (Auguste wurde am 18. Dezember 2015 geschlossen). Aber damals hatte er eine noch junge Liebe, eine zweijährige Tochter, und deren Mutter wollte auf gar keinen Fall ins Ruhrgebiet. Also blieb er, wählte die Alternative: eine Abfindung. Von dem Geld hat er später eine Umschulung finanziert, und die führte seinen Berufsweg in eine völlig andere Richtung. Ein Wermutstropfen war, dass ihm die Knappschaft schließlich, als er ganz "bergfremd" war, eine Monatsrente von 250 Euro gestrichen hat. Das empfand er als große Ungerechtigkeit. "Der Weg war absolut nicht einfach", sagt er rückblickend. Als der Deckel auf den Pütt kam, standen Zimmermann zwei Jahre Arbeitslosengeld zu. "Ein Jahr mach' ich blau", hatte er sich vorgenommen, doch "die Decke sank immer tiefer". Er bewarb sich bei diversen Betrieben, landete in den Niederlanden beim Chemiekonzern DSM. Da machte er einen Schweißerschein, arbeitete in der Werkstatt. Aber die Dämpfe, die chemische Industrie, das war nicht das Richtige. Als er erfuhr, dass in der Region viele Erzieher für Jugendliche fehlen, entschied er sich, die Fachschule für Sozialpädagogik, die Clara-Fey-Schule des Bistums, am Aachener Michaelsberg zu besuchen (die wurde 2007 geschlossen). Mit der dreijährigen Ausbildung erwarb er auch die Fachhochschulreife.

Traurige Kumpel und Knappen am letzten Förderwagen. Foto: Zurmahr

Sein Anerkennungsjahr verbrachte er in der Jugendvollzugsanstalt in Siegburg, fand dann eine Anstellung beim Landschaftsverband Rheinland in Düren, in der Landesklinik. Die familienersetzende Wohngruppe - Behinderte mit "erheblich inklusionsverhinderndem Verhalten" - wurde schließlich ausgegliedert nach Gymnich. Das bedeutete hundert Kilometer Hinfahrt, hundert Kilometer Rückweg. Zimmermanns "Schützlinge" verweigerten sich allem. Da brauchte er Nerven, so dick wie die Förderseile am Schachtturm. "Ein Job, den keiner machen will", stellt er fest. "Aber ich find' das gut. Einer muss sich ja kümmern."

Beim Trauerzug am Abend der Zechenschließung ging das Aachener Friedenskreuz voran. 5000 Menschen marschierten im Fackelschein zu Schacht IV. Foto: Kerkhoff Peter

Was er bei DSM und anderen Jobs vermisst hat, findet er nun annähernd wieder: das "Kumpelhafte" aus der eingeschworenen Gemeinschaft in der so eigenen Welt, in der die Sonne nie scheint: "Einer ist für den anderen da. Man muss sich in der Gruppe auf seine Kollegen verlassen können." Zurzeit arbeitet er in Mittags- und Nachtschichten in einer Wohngruppe in Süchteln mit Menschen zwischen 21 und 52 Jahren, die wegen leichter geistiger Behinderung auf dem Stand Jugendlicher geblieben sind. "Da braucht es Menschen, die Grenzen setzen können, die Nein meinen, wenn sie Nein sagen." Die Bewohner kommen mit Defiziten, an denen gearbeitet wird - das geht nicht ohne Reibereien. Beschimpfung ist an der Tagesordnung. Einmal fliegt ein Stuhl, da ist ein Finger der rechten Hand lädiert, der schon unter Tage einmal halb ab war. Ist das nicht härter als Kohle machen? "Ja", gibt Zimmermann zu und erinnert sich an den Stoßseufzer "Mama, hol' mich von der Zeche". Ähnlich fühle er heute manchmal, bereut die Berufswahl aber nicht. "Das ist kein Beruf, das ist Berufung."

Trotzdem: Würde Sophia zum Leben erweckt, hätte er nicht mal Zeit zum Kündigen. "Ich würde sofort wieder nach unten, ins tiefe schwarze Loch", beteuert "Pit". In Peter Alexanders Lied "Schwarzes Gold" findet er sich wieder, die Liebe zum Pütt. Versonnen zitiert er die Zeilen über den Bergmann: "Doch wenn man ihn fragte, warum er's macht, sah er stolz und glücklich aus ..."

(gala)
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