Zeitzeugin spricht in Hilden vor Schülern über die Nazi-Diktatur

Hilden : Zeitzeugin spricht über die Nazi-Diktatur

Viele Zeitzeugen gibt es nicht mehr. Ilsabe Platte ist 96 Jahre alt und hat den Schülern des Bonhoeffer-Gymnasiums von früher erzählt.

„Stellt euch mal vor, ihr jungen Männer, ihr würdet gezwungen sein, mit 17 Jahren euer Testament zu machen“, sagt Ilsabe Platte vor spürbar berührten Schülern in der Aula des Hildener Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums. Die 1923 in Potsdam-Babelsberg geborene NS-Zeitzeugin hat gerade das Testament ihres Bruders Rochus Wilhelm von Stülpnagel, der als 16-jähriger Offiziersanwärter nach dem verkürzten Kriegsabitur zur Wehrmacht eingezogen und dann auch getötet wurde, vorgelesen. Es ist mittlerweile der 15. Auftritt in Schulen, den die engagierte 96-jährige Adlige, Tochter von Generalleutnant Joachim von Stülpnagel, der wegen kritischer Äußerungen zu Hitlers Kriegsplänen im KZ Sachsenhausen inhaftiert war, absolviert.

„Der Kontakt zu Frau Platte ist meiner Kollegin Heike Fragemann zu verdanken, denn deren Mutter lebt im gleichen Altenheim wie Frau Platte“, sagt Jasmin Dehler, die die Fächer Geschichte und Religion am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium unterrichtet und die Schilderungen von Zeitzeugen als ideale Ergänzung zum Schulstoff sieht.

Basis der Schilderungen von Ilsabe Platte ist ihr Tagebuch, das sie allerdings erst am 1. Januar 1945 begonnen hatte und mit Bleistift und in Sütterlin geschrieben war. Da waren ihre ihre Erinnerungen an die Kindheit noch frisch. Viel später hat ihre Familie sie schließlich bedrängt, ihre Erlebnisse für die jüngere Generation lesbar in moderner Schreibschrift nochmals abzuschreiben. Die Chronologie spielt jedoch eine untergeordnete Rolle, immer wider stellt sie Bezüge zur Gegenwart her. Vor dem Hintergrund der Kriegsgräuel beschwört sie die europäische Errungenschaft eines nunmehr 74 Jahre währenden Friedens. „Da sind die Aussöhnungen mit Frankreich, Polen und Israel und schließlich die Wiedervereinigung mit der DDR, die sie als herausragende politische Errungenschaften beschwört.

Zugleich warnt sie immer wieder vor neofaschistischen Strömungen wie die AfD, die einst wie die NSDAP mit unwahren Versprechungen Menschen emotionalisieren. Sie beschreibt die große Begeisterung in Deutschland, nach dem wirtschaftlichen Aufschwung und ersten kriegerischen Erfolgen, und gibt auch zu, dass ihr die erlebnisreiche Mischung aus Pfadfinder-Leben und Sport bei der Jungmädelschaft sehr gefallen hat.

Der Holocaust spielt in ihren Schilderungen eine untergeordnete Rolle. Sie erzählt wie nach der Schlacht bei Stalingrad 1943 vermehrt Skepsis hinsichtlich des „Endsiegs“ aufkam und Risse selbst in ihrer eigenen Familie bewirkte. „Meine älteren Schwestern hingen Hitler lange an, und ein Onkel, Carl-Heinrich von Stülpnagel, war dagegen beim Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt“, so Platte.

„Es war eine Veranstaltung, die in doppelter Hinsicht wichtig war, einerseits als Zeitzeugenbericht mit der Intention für neonazistische Tendenzen zu sensibilisieren, anderseits haben wir mit unserem Namenspatron Dietrich-von-Bonhoeffer, der für den Widerstand sein Leben lassen musste, zudem eine besondere Beziehung zum Thema“, erklärt Rainer Oesterwind, Lehrer für Geschichte und Religion.