Wie zwei junge Burschen der Gefangenschaft entkamen

Kriegsende 1945 : Wie zwei junge Burschen der Gefangenschaft entkamen

Im April 1945 ging für Günter Mathia in Haan der Krieg zu Ende. Die US-Armee hatte seine Einheit umzingelt. Der 16-Jährige wollte aber nicht in Gefangenschaft geraten. Und tarnte sich als Bauernbursche.

Im Frühjahr 1945 war der Untergang des Dritten Reiches längst besiegelt. Aber das von vielen herbeigesehnte Ende des furchtbaren Krieges zog sich hin. Das sinnlose Sterben ging weiter. Der Todeskampf des NS-Regimes riss noch viele mit ins Verderben. Günter Mathia war damals 16 Jahre jung. Der Dortmunder hatte eine Lehre als Flugmotorenschlosser abgeschlossen und war im April 1945 nach drei Monaten Waffenausbildung beim Reichsarbeitsdienst zu einer Kompanie der Waffen-SS eingezogen worden. Nach drei Wochen an der Front wurde seine Einheit in Haan von den Amerikanern umzingelt. Sein Sohn Dr. Karl Mathia hat die Lebenserinnerungen seines Vaters aufgezeichnet und will daraus ein Buch machen.

Günter Mathia im Jahr 1944. Foto: Günter Mathia/Christoph Schmidt

„Wir wurden in den Keller einer Schule befohlen“, erinnert sich der 91-Jährige, der heute im bayerischen Landkreis Dillingen/Donau lebt: „Dann wurde eine weiße Fahne gehisst und alle Waffen auf dem Schulhof abgelegt.“ Doch Günter Mathia wollte nicht in Kriegsgefangenschaft geraten. „Die Amerikaner hielten Tausende von deutschen Soldaten auf den Rheinwiesen fest - unter freiem Himmel und bei Wind und Wetter“, erzählt er unserer Zeitung am Telefon: „Da sind viele gestorben wie die Fliegen. Das hatte sich schon bei uns herumgesprochen.“

Günter Mathia mit seiner Frau Elisabeth Im Jahr 2017. Foto: Mathia

Deshalb beschloss der 16-Jährige zusammen mit seinem gleichaltrigen Kriegskameraden Willi Volke abzuhauen. Sie wollten sich zu dessen Eltern durchschlagen, die in Hilden in der Lodenheide 5 (heute 30) einen Bauernhof hatten. „Die Uniformjacken und Ausweise haben wir weggeworfen“, erinnert sich Günter Mathia: „Die Uniformhose haben wir zu einer kurzen Hose abgeschnitten. Dann haben wir uns eine Mistgabel geschnappt und sind raus aus der Stadt aufs Feld, wo die Amerikaner standen.“ Ein amerikanischer Offizier, der gut Deutsch sprach, hielt sie auf: „Wo wollt ihr hin?“ Nach Hause, erzählten die beiden Jugendlichen. „Er hat uns bestimmt nicht geglaubt“, ist Günter Mathia überzeugt: „Aber er ließ uns passieren. Er gab uns sogar noch ein Fahrrad mit.“ Damit schafften sie es bis nach Hilden, das schon in amerikanischer Hand war. Und dann hätte es die beiden Jungs fast doch noch erwischt: „Diese blöde deutsche Artillerie schoss in die Stadt hinein.“ Eine deutsche Granate schlug hinter ihnen auf der Straße ein und holte beide vom Rad. Willi Volke blieb unverletzt. Aber Günter Mathia bekam zwei Granatsplitter ab. „Der Splitter im Knie wurde nach 51 Jahren, im Juni 1996, herausoperiert, den Splitter im Gesäß werde ich wohl mit ins Grab nehmen.“ Einige Frauen zogen den 16-Jährigen in einen Keller und verarzteten ihn dort notdürftig, später kam er in ein Krankenhaus.

Willi Volke war der Kriegskamerad von Günter Mathia. Das Bild entstand auf dem Hof seiner Eltern Lodenheide 5 (heute 30). Foto: Hildegard Seibert/Christoph Schmidt

Für Willi Volke gab es später eine kritische Situation auf dem elterlichen Hof. Amerikaner (die von Deutschen beschossen wurden) wollten ihn gefangen nehmen. Eine Nachbarin, die gut Englisch sprach, konnte die Soldaten überzeugen, ihn nicht mitzunehmen, erinnert sich seine Schwester Hildegard Seibert (84) an dramatische Stunden: „Wir haben den halben Tag mit erhobenen Händen auf dem Hof gestanden.“

Hermann und Antonia Volke bewirtschafteten den Hof Lodenheide 5. Hermann Volke starb 1971. Er war stolz auf seine Kaltblutzucht. Foto: Hildegard Seibert geborene Volke/Christoph Schmidt

Günter Mathia blieb bis März 1946 auf dem Hof seines Kriegskameraden. Er arbeitete als Knecht für dessen Eltern Antonia und Hermann Volke. Das Wichtigste war: „Es gab genug zu essen.“ Außer freier Kost und Logis bekam er noch 25 Mark Monatslohn und wurde bei der Krankenkasse angemeldet. Willis Schwester Hildegard Seibert war damals zehn Jahre alt. Sie kann sich an Günter Mathia noch gut erinnern. Im Familienalbum finden sich nur wenige Aufnahmen aus dieser Zeit. Damals wurden Fotos nur zu besonderen Anlässen gemacht. „Mein Vater war sehr stolz auf seine Kaltblut-Pferdezucht“, erzählt die Tochter. Sie übernahm den elterlichen Hof in der Lodenheide: „Am 16. April 1945 zogen die Amerikaner in Hilden ein. Das ist jetzt 74 Jahre her.“

Christoph Schmidt

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