Wie die Polizei im Kreis Mettmann gegen Clans vorgeht

Verbrechen : Städte sagen Clans den Kampf an

Die Zahlen lassen aufhorchen: Etwa hundert Clans soll es in NRW geben, in den vergangenen zwei Jahren sollen beinahe 15.000 Straftaten auf das Konto krimineller Clan-Mitglieder gegangen sein.

Es war eine ernüchternde Bilanz, die am Rande des Symposiums zur „Clan-Kriminalität“ in Essen in die Öffentlichkeit gelangt war. Der Expertentagung vorausgegangen waren Razzien, auch im Kreis Mettmann. Mit einer Null-Toleranz-Strategie will man nun hier und auch in den umliegenden Großstädten wie Essen und Duisburg verlorengegangenes Terrain zurückerobern. Aufhorchen ließen NRW-Innenminister Herbert Reul und der leitende Kriminaldirektor für Organisierte Kriminalität beim LKA, Thomas Jungbluth, inmitten ihrer Fachvorträge allerdings noch durch etwas anderes: Der Kreis Mettmann zeichne sich durch beispielhaftes Engagement aus. Dort sei man besonders aktiv, der Landrat und die Kreispolizeibehörde seien sehr umtriebig.

Man durfte hellhörig werden in Anbetracht eines solch öffentlichen Statements – und es wirft durchaus auch Fragen auf. Ist das besondere Engagement vielleicht der Tatsache geschuldet, dass es im Kreis Mettmann größere Probleme mit Clans gibt als andernorts? Bekanntgeworden war in dieser Hinsicht in der Vergangenheit jedenfalls so einiges. Bei einer Razzia der Hagener Polizei waren im vergangenen September fünf Tonnen Bargeld eingezogen worden, die aus manipulierten Spielautomaten stammen sollen. Die Münzen wurden in drei Geldtransportern abtransportiert, dazu sollen mehrere Luxuskarossen beschlagnahmt worden sein. Im Zuge der Ermittlungen war man auf Verbindungen der Familie nach Langenfeld und Hilden gestoßen. Für Aufsehen hatten auch die Kontrollen einer Hochzeit im Clan-Milieu gesorgt. Mehrere hundert Gäste wurden kontrolliert, den Bräutigam soll man von Solingen aus in ein Langenfelder Industriegebiet eskortiert haben. Dass die Kontrollen zuvor angekündigt worden waren, hatte der Polizei lautstarke Kritik eingebracht.

Auch in Erkrath sorgten libanesische Clans wiederholt für Schlagzeilen. Dort soll es Verbindungen zum Rocker-Milieu geben, die bereits zum Gegenstand von Gerichtsprozessen wurden. Innerhalb von Minuten war im vergangenen Jahr die Auseinandersetzung um einen Parkplatz eskaliert – die herbeigeeilten Polizisten mussten eine Hundertschaft zur Verstärkung rufen, um zu verhindern, dass die verfeindeten Gruppen aufeinander einprügeln.

Als vor zwei Jahren am Wuppertaler Landgericht das Urteil gegen ein wegen Mordes angeklagtes Familienmitglied einer libanesischen Großfamilie verkündet wurde, mussten etliche schwerbewaffnete Polizisten im Gerichtssaal und vor dem Gerichtsgebäude inmitten von aufgebrachten Angehörigen für Ordnung sorgen. Erst kürzlich fühlte sich ein Richter von den im Saal anwesenden Angehörigen eines Verdächtigen bedroht, der später aus der Untersuchungshaft entlassen werden musste, weil sich Mittäter und Zeugen plötzlich nicht mehr genau erinnern konnten. In Velbert wiederum soll eine Ehe-Scheidung innerhalb einer libanesischen Großfamilie dazu beigetragen haben, dass sich dort nun verfeindete Familienmitglieder gegenüberstehen.

Innenminister Herbert Reul (CDU) und der leitende Kriminaldirektor für Organisierte Kriminalität beim LKA, Thomas Jungbluth (links) beim Essener Symposium zur „Clan-Krimnalität“. RP-Foto: mikko. Foto: Mikko Schümmelfeder

Wir wollen all das zum Anlass nehmen, um nachzufragen bei denjenigen, die etwas erzählen können über den Umgang mit der Clan-Kriminalität im Kreis Mettmann. Der Landrat, die Kriminalpolizei, die Staatsanwaltschaft: Dort ist man nah dran an dem, was gemeinhin als „rechtsfreier Raum“ bezeichnet wird. Wo gibt es Brennpunkte und was wird wirklich getan, um die über Jahrzehnte entstandenen Probleme zu lösen? Sind Razzien nur ein „Sturm im Wasserglas“ und welchen Sinn haben die von der Landesregierung geplanten „Aussteigerprogramme“? Sind die Ermittlungsbehörden überfordert damit, die Clan-Kriminalität beweissicher vor Gericht zu bringen? All das wollen wir in den kommenden Wochen beleuchten, und die Frage klären, was den Kreis Mettmann so besonders macht beim Umgang mit der „Clan-Kriminalität“.

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