Warum der Nove-Mesto-Platz ist wie er ist

Hilden : Warum der Nove-Mesto-Platz ist wie er ist

„Kasernenhof“ wird der Nove-Mesto-Platz von vielen abfällig genannt. Dabei ist er ausgezeichnete Architektur. Die RP erzählt seine Geschichte.

Einige Ecken in Hilden haben in den vergangenen 50 Jahren radikal ihr Gesicht verändert. Dazu gehört auch der heutige Nove-Mesto-Platz. Vor 50 Jahren erstreckte sich dort eine „Urwildnis“ aus verwilderten Gärten, Obsthöfen und alten Bäumen, berichtete unsere Zeitung 1963. Eigentümer waren die Eheleute Meta und Kurt Kappel. Sie schenkten das Areal der Stadt Hilden und eröffneten ihrer Heimatstadt dadurch ganz neue städtebauliche Entwicklungsmöglichkeiten. An die hochherzige Stiftung erinnert der Straßenzug Kurt-Kappel-Straße und das Meta-Kappel-Tierheim. Zunächst wurde das Areal gerodet und als provisorischer Schotter-Parkplatz genutzt. Denn zuvor musste noch die Itter reguliert werden, die bei Hochwasser gerne mal die Innenstadt unter Wasser setzte. Der Bach erhielt ein neues Bett.

Am 16. Dezember 1971 beschloss der Stadtrat, die Hildener Kirmes ab 1972 vom Lindenplatz in die Stadtmitte (alter Markt, Kurt-Kappel-Straße, Neumarkt) zu verlegen. Treibende Kraft sei Horst Welke gewesen, erinnert sich Werner Buddenberg, damals Stadtverordneter der CDU. Welke war Chef der erstarkten Freien Demokraten und einflussreicher Strippenzieher einer „Kirmes“-Fraktion. Er erfand auch das Itterfest. Jedenfalls konnte Welke durchsetzen, dass die Schützen nicht mehr auf dem Lindenplatz, sondern mitten in Hilden ihr großes Festzelt aufschlagen konnten. Der alte Markt war dafür nämlich zu klein. Also musste ein neuer Platz her: der Neumarkt. Dort sollte dann auch der Wochenmarkt stattfinden. Die Stände der Marktbeschicker drängten sich zuvor auf dem alten Markt neben der Reformationskirche. Zugleich quetschte sich der Verkehr am alten Markt vorbei durch die Mittelstraße (die Fußgängerzone wurde erst 1987 eingerichtet). 1967 stimmt der Rat der Rat der Verlegung des Wochenmarktes vom alten Markt auf den Neumarkt zu. Ab 1972 feierten dort auch die Schützen.

Blick auf die Baustelle Neumarkt (Nove-Mesto-Platz) am 8. April 1992. Foto: Stadtarchiv Hilden

1978 stellte der Stadtrat einen Bebauungsplan für das Gebiet Neumarkt südlich der Berliner Straße auf. Wohnungen sollten dort entstehen, eine Tiefgarage und ein Marktplatz für das Schützen- und das Itterfest. „Die CDU wollte damals einen Glas-Pavillon mit Gastronomie auf dem Platz“, erinnert sich Werner Buddenberg, konnte sich gegen die Kirmes-Fraktion aber nicht durchsetzen. Der Platz musste so geplant werden wie er heute aussieht, damit für acht (!) Tage im Jahr die großen Fahrgeschäfte dort aufgebaut werden können. Inzwischen schlagen die Schützen ihr Festzelt wieder auf dem alten Markt auf und finden schon seit zwei Jahren keine Fahrgeschäfte mehr, die zum Schützenfest nach Hilden kommen wollen. Die CDU habe aber einen Kompromiss erzielen können, erinnert sich Werner Buddenberg: „Dass dort eine neue Stadtbücherei ohne langweilige Fassade entsteht und dass Architekt Hans Strizewski die Planung übernimmt.“

Architekt Hans Strizewski ist mittlerweile 90 Jahre alt. Foto: RP/Christoph Schmidt

1991 fand die Stadt Hilden mit der Deutsche Haus und Boden den richtigen Investor. Er kaufte das Areal und beauftragte Strizweski mit der Planung für rund 350 Wohnen, Büros- und Ladenflächen. „Investoren müssen aufs Geldverdienen achten“, wusste der Architekt: „Da konnte ich nur nur begrenzte Architektur machen.“ Ihm sei aber von Anfang an klar gewesen: „Die Bibliothek muss das wichtigste Gebäude an markanter Stelle sein.“ Einige Stadtväter hätten bei „Bücherei“ an eine „Etage voller Bücher“ gedacht, erinnert sich Hans Strizweski. Er entwarf einen transparenten „Bücher-Turm“. Und überzeugte den Investor, ihn an der prominenten Stirnseite des Platzes zu positionieren: „Da waren dann auch die Stadtväter überzeugt.“

Viele Hildener taten und tun sich mit Strizewskis Nove-Mesto-Platz schwer – bis heute. „Der Platz hat leider bei vielen Bürgern keine Akzeptanz gefunden“, klagte der Bürgerverein Hilden-Nord im Januar 1994: „Der Vergleich mit Kaserne und Kasernenhof ist eine schlimme Verurteilung mit negativen Folgen für die Wohnungsvermietung.“ Heute zählt der Nove-Mesto-Platz zu den bevorzugten Wohnlagen in der Stadt. Man wohnt mitten in der City und trotzdem ruhig.

Hans Strizewski bekam 1995 von der Kreisgruppe Bergisch-Land des Bundes Deutscher Architekten den „Bauherrenpreis“. Die Jury beeindruckte, dass die Bebauung mit ihrer gestaffelten Höhenentwicklung konsequent den Rand des Stadtkerns abbilde. Durch geschickte Detaillösungen – auch in der Erdgeschosszone – seien die Wohnungen zu dem für Markt, Kirmes und Schützenfest vorgesehenen Platz ausgerichtet, befand die Jury. Außerdem würden die Grundrisse insgesamt eine hohe Qualität aufweisen und die einzelnen Architekturelemente in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. „Besonderen städtebaulichen Charme“ erhalte die Anlage durch „einen weitgehenden Verzicht auf Modernismen“. Und die Stadtbücherei wurde 2016 zur „Bibliothek des Jahres“ gewählt.

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