Von Hilden nach Taizé - fünf Jahre auf dem Pilgerweg

Hilden : Glauben und Pilgern verbindet Europäer

Christen aus Hilden erreichen nach fünf Jahren ihr Ziel Taizé/Frankreich.

Im Wohnzimmer von Maria und Rüdiger Mrotzek liegen schon die zugeklebten Briefwahl-Umschläge auf dem Tisch. „Wir sind ja bei der Europa-Wahl am 26. Mai noch unterwegs.“, sagt die Hausfrau. Ihr Mann ist erst seit ein paar Stunden von einer beruflichen Reise aus Helsinki wieder da. Es gibt überraschenderweise im Haus viele Flaggen zu sehen. Im Wohnzimmer hängen eine deutsche und die Europa-Flagge. „Die hängen noch hier, weil wir kürzlich unser Vorbereitungstreffen für die Pilger-Reise hatten“, erklärt Maria. Sie ist sowieso der Meinung, dass die blaue Fahne mit zwölf Sternen „eine Interpretation des Strahlenkranzes der Mutter Gottes darstellt.“ Und: „Ich hätte nichts dagegen, wenn wir noch mehr Europäer dabei hätten.“

Ihre christlichen Überzeugungen wollen die Hildener aus der katholischen St. Konrad-Gemeinde in die Welt tragen: Als Pilger ins französische Taizé. In wenigen Tagen werden sie nach fünf Jahren Etappen-Wandern endlich dort ankommen. Schritt für Schritt: Den Impuls gab vor 18 Jahren Maria Mrotzek, die es aus persönlichen Gründen an den Ort südlich von Dijon zog, der von einem Schweizer und französischen Priestern 1949 offiziell gegründet wurde, und bis heute Jugendliche aus aller Welt anzieht.

Sie hatte in der hiesigen Gemeinde von Taizé gehört und fuhr Ostern 2010 nach Frankreich. „Das war für mich ein einmaliges Erlebnis. Mein Glauben war damals ganz unten. Ich war auf der Suche und fühlte mich leer.“ Dann begegnete sie Jugendlichen und Gläubigen aus aller Welt, die auf einfachste Art und Weise Ökumene in Zelten lebten. Die Deutsche lernte dabei auch das Schweigen in Frankreich. „Den Mund habe ich nur zum Singen aufgemacht.“

Es muss diese besondere persönliche Erfahrung gewesen, die auch andere Menschen mit Maria teilen wollten: Mit einem gemeinsamen Ziel, den Jakobsweg von Köln nach Taizé zu pilgern. „Wir sind schon früher viel mit den Kindern gewandert“, wirft Rüdiger Mrotzek ein. Im Jahr 2014 kamen dann Erwachsene dazu, die eine Woche im Jahr ihren Weg  – immer um Christi Himmelfahrt herum – in diese Richtung gehen wollten. „Gestartet sind wir in Köln.“, berichtet Heike, die auch zu der insgesamt neunköpfigen Gruppe gehört, und mit Freundin Gaby zum RP-Gespräch hinzugekommen ist.

Die erste Etappe führte nach Brühl. „Als wir über unser Vorhaben in der Gemeinde gesprochen hatten, meldeten sich gebürtige Franzosen bei uns.“ Jaques aus Metz und seine Johanna, sowie Christian und Mireille, die aus Marseille stammen. „Das hat sich neben der Freundschaft mit den vieren auch bei der Beschaffung von Unterkünften ausgezahlt“, wirft Rüdiger ein, denn sonst spreche niemand Französisch.

Übernachtet wird in einfachen Hotels oder Jugendherbergen. Die Strecke führte bislang über Trier, Schengen, Metz, Nancy bis zum Kloster Citeaux hinter Dijon. Und häufig geht man durch kleine Orte. „Da fällt unsere Rucksackgruppe natürlich auf.“ Und es kam vor, dass der Bürgermeister eines 200-Seelendorfes dann spontan Tische vor seinem Amtsgebäude aufstellen ließ, um die Gäste aus dem Ausland zu bewirten.

Umgekehrt seien auch die Menschen in der Eifel herzliche Gastgeber gewesen. Von der Brennessel-Suppe bis zum Drei-Gänge-Menü haben sie alles gegessen. Rund zwanzig Kilometer täglich wandert die Gruppe eine Woche lang. Mit einem sieben Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken, vielen Gesprächen, aber auch ruhigen Stunden mit persönlichen Gedanken im Gepäck. „Der Kopf wird frei. Und wir freuen uns auf neue Begegnungen.“ Jeder Wandertag bekommt ein persönliches, christliches Motto, und gesungen wird unterwegs manchmal auch. Man reist mit dem Pkw an den jeweiligen Etappen-Start, geht die Strecke und wird entweder am Ziel abgeholt, oder fährt mit öffentlichen Verkehrsmittel zurück an den Startort.

Maria Mrotzek schwärmt jetzt schon von ihrem Ziel Taizé, auch wenn dort in Holz-Baracken nur Stockbetten mit Matratze auf sie warten und das Essen und Trinken mittels Napf und Bechern ausgegeben wird. Hundert Brüder und 5000 Gläubige halten sich an diesem spirituellen Ort auf, an dem jeder auch einmal „Alltagsdienst“ hat und nichts Kommerzielles in der Umgebung ablenkt. Zur Belohnung kann man einzig ein kleines Emaille-Kreuz erwerben. Aber das hat dann für den Erwerber einen unbezahlbaren Wert.

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