Stalking in Hilden: Eine verfolgte Frau erzählt

Belästigung in Hilden : Gestalkt – eine Verfolgte erzählt

Seit knapp einem Jahr wird eine Frau aus Hilden von einem Unbekannten belästigt. Der Mann steht jeden Abend auf ihrem Balkon, filmt sogar in ihr Schlafzimmer. Die Polizei konnte ihr bisher nicht helfen.

Jede Nacht steigt er auf ihren Balkon im Parterre, rumort dort herum, drückt die schweren Rollläden auseinander, filmt in ihr Schlafzimmer hinein und projiziert Bilder an ihre Wand. Kein Stacheldraht an der Brüstung und keine Überwachungskamera können den Unbekannten von seinem Tun abhalten. Greift Anne Meyer zum Telefon und alarmiert die Polizei, verschwindet er blitzschnell. Sie hat den Eindruck, dass man ihr „nicht glaubt oder mich für dämlich hält“.

Meyer heißt in Wirklichkeit anders. Ihren Namen möchte sie aus verständlichen Gründen nicht in der Zeitung lesen. Nur so viel: Sie ist nicht mehr ganz jung und wohnt in Hilden. Dass ihre Geschichte jetzt auf RP Online berichtet wird, „verdankt“ sie einem befreundeten Ehepaar, das der RP den Fall schilderte, versicherte, den nächtlichen Störer selbst erlebt zu haben und fragte: „Können Sie nicht etwas tun?“

Am nächsten Tag ruft die Gestalkte selbst an, klingt sehr beherrscht und vernünftig: „Ich habe mich von niemanden getrennt, niemanden zurückgewiesen, keinen bei der Arbeit gegen mich aufgebracht – ich habe keine Ahnung, wer das ist und was er damit bezweckt.“ Ihn zu stellen, habe sich bisher als unmöglich erwiesen: „Auf meinen Filmaufnahmen kann man ihn nicht erkennen, kräftige Männer in der Familie habe ich nicht und auf eine Konfrontation lasse ich es nicht ankommen. Das ist ein großer Mann.“

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Meyer hat mehrmals nachts die Polizei alarmiert und Anzeige erstattet, wenn der Unbekannte sie belästigte. Spuren wurden gesichert, die Rechtsverstöße in einer Anzeige aufgelistet – alles vergeblich, denn jedes Mal wurde das Verfahren wieder eingestellt.Von der Polizei erwartet sie keine Hilfe mehr: „Wenn die mit Blaulicht anrücken, verschwindet der Mann.“ Jetzt überlegt sie, einen Privatdetektiv anzuheuern oder einen Wachdienst.

„Ich fühle mich vom Staat alleine gelassen“

Die Frau ist frustriert: „Ich habe kein Vertrauen mehr in andere Menschen“, sagt sie. Und: „Ich fühle mich vom Staat alleine gelassen.“ In der Tat scheint es in Hilden keine Hilfe für sie zu geben. Die Kommissarin, mit der sie bereits zu tun hatte, darf oder will sich zu dem Fall nicht äußern. Meyer hat das Gespräch mit ihr in keiner guten Erinnerung, sie fühlte sich nicht ernst genommen. Nicole Rehmann, Sprecherin der Kreispolizeibehörde, sagt, dass die Polizei natürlich hinfahre, wenn man sie ruft: „Es gibt auch Zivilstreifen.“ Es ist offenbar schwierig, Stalking-Opfern zu helfen. Stalking, juristisch für Nachstellung, ist laut Wikipedia das willentliche und wiederholte beharrliche Verfolgen oder Belästigen einer Person, deren physische und psychische Unversehrtheit dadurch bedroht oder geschädigt werden kann. Seit 2007 gilt Stalking in Deutschland als Straftatbestand. 2017 wurde der Paragraf 238 überarbeitet, aber Kritiker meinen, dass die Hürden für Opfer, sich vor Nachstellungen zu schützen, immer noch zu hoch sind.

Christoph Vosswinkel vom Kommissariat Prävention bei der Kreispolizeibehörde Mettmann, sieht das anders: „Der Straftatbestand ist klar definiert, und wir haben eine hohe Aufklärungsquote von zuletzt 91 Prozent.“ 129 Fälle seien 2016 im Kreis Mettmann angezeigt worden, ein Jahr später waren es 135. Wie viele Stalker tatsächlich verurteilt worden sind, kann Vosswinkel nicht sagen.„Ist der Täter bekannt, erhält er eine Gefährdungsansprache von der Polizei und wenn das nichts hilft, kann das Opfer eine Unterlassungsverfügung vor dem Amtsgericht erwirken.“ Macht er trotzdem weiter, drohen je nach Art der Belästigung, Geld- oder Freiheitsstrafen von drei Monaten bis zu fünf Jahren. Theoretisch.

Selbst Vosswinkel räumt ein, dass Opfer einen langen Atem brauchen: „In den meisten Fällen ist der Stalker dem Opfer bekannt. Wir empfehlen, jede Annäherung zu protokollieren und die Polizei anzurufen.“ Viele Opfer laufen Gefahr, dass man ihnen nicht glaubt oder sie für überspannt hält. Sie isolieren sich immer mehr und denken nur noch über den Stalker und seine Motive nach. „Das ist genau das, was die Verfolger wollen“, sagt Vosswinkel. Deshalb sei es so wichtig, im privaten und beruflichen Umfeld offen mit dem Thema umzugehen.

Meyer tut das: Sie entzieht sich dem hartnäckigen Verfolger, fährt in Urlaub, besucht Feste und Feiern: „Das gefällt ihm nicht. Das zeigt er mir dann, wenn ich wieder zu Hause bin, indem er gegen die Rolläden schlägt.“ Der Mann kommt trotzdem immer wieder. „Ich habe gehört, dass Nachbarn den Mann beobachtet oder sogar mit dem Handy gefilmt haben. Leider melden sie sich nicht bei mir. Die wollen wohl alle nichts damit zu tun haben.“ Da blitzt Verzweiflung auf – und Resignation.

Anlaufstellen für Stalking-Opfer

  • Kommissariat Opferschutz/ Prävention bei der Kreispolizei in Mettmann, Telefon: 02104 982-1067
  • Weißer Ring Landesbüro NRW/Rheinland, Telefon: 02421/16622, Fax: 02421/10299 - vermittelt Ansprechpartner in Ihrer Nähe, Website: www.nrw-rheinland.weisser-ring.de, E-Mail:lbnrwrheinland@weisser-ring.de
  • Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ 08000 116 016 - vermittelt Stalkings-Opfern Hilfsangebote in Wohnortnähe
  • Selbsthilfegruppen, etwa: www.gemeinsamgegenstalking.de haben gute Tipps zusammengestellt
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