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Hildenerin berichtet von ihren Eindrücken aus Mallorca in Coronazeiten

Hildener auf Mallorca : Corona hat der Deutschen liebste Ferieninsel im Würgegriff

Ein Bericht aus dem Nordosten der „verbotenen Insel“ in diesen Zeiten. Auf Mallorca ist in Corona-Zeiten vielen anders. Gastronomie, Hotelgewerbe und auch Händler haben riesige Umsatz-Einbußen.

Um es vorweg zu sagen: Ich gehöre nicht zu den Corona-Leugnern oder den amüsierfreudigen Partytouristen. Zum einen, weil ich mit über 60 Jahren und einigen Erkrankungen zur Risikogruppe gehöre. Zum anderen, weil der Mensch zum Urlaub nicht immer Party braucht. Also bin ich Anfang September – trotz der Reisewarnung vor Mallorca – auf meine Lieblingsinsel geflogen.

Im März waren mein Mann und ich während des Lockdowns in Spanien spontan nach Hause geflogen (RP vom 25. März). Im Juli waren wir entsetzt über die Ballermann-Party-Berichte aus Palma. Im September wollten wir aber trotz Reisewarnung endlich wieder in unsere Wohnung, die im eher weniger touristischen Nordosten der Insel seit 20 Jahren unser Ferienziel ist.

Die Promenade von Cala Ratjada ist leer. Foto: Uli Schmidt

Der Blick aufs Meer, der Spaziergang am Strand – sind aktuell auch ohne Maske erlaubt. Ein paar kleine Restaurants in unserem Dorf sind geöffnet und bieten neben Paella einen guten Service, auch was die Hygiene-Vorschriften betrifft. Ansonsten ist es sehr ruhig. Bis auf die Wochenenden, wenn die Mallorquiner hier – oft im Besitz eines Zweitwohnsitzes – ihre Freizeit auf dem Wasser, am Strand oder einfach in Familie verbringen.

Der Sonntag ist heilig – und jetzt auch mehr oder weniger nicht gestört von Touristen. Es gibt frisches Brot und vorbestellten Fisch im kleinen Dorfladen. Schon samstags das Schwätzchen am Gemüsestand auf dem kleinen Markt vor der Kirche. Fröhliche Fiestas auf dem Dorf-Platz oder laute Partys in den Nachbarhäusern gibt es nicht mehr.

Die Einkaufsstraße von Arta ist sonst dicht bevölkert. Foto: Uli Schmidt

Der „Patron” des Lebensmittel-Geschäftes, der am kleinen Yachthafen früher gute Geschäfte mit hungrigen Seglern machte, lächelt nicht mehr so entspannt wie früher. Regale, die sonst vielfältige, gekühlte Ware anboten, sind fast leer. Nur frisches Fleisch und regionalen Käse hat er noch reichhaltig im Angebot.

Bäcker Darius Olszynki vor seinem Backshop in Arta. Foto: Uli Schmidt

Zum Glück verspricht das nahe Restaurant „Nautico” ein „Menü del Dia“ zu sehr fairen Preisen. Maria, die Köchin und Wirtin, kontrolliert persönlich, ob die Hygiene-Standards eingehalten werden und ihre hausgemachten Gerichte auch internationalen Gästen schmecken.

Autorin Uli Schmidt in einer Gasse in Arta Foto: Uli Schmidt

Nicht viel anders sieht es in Artà aus, der nächstgelegenen Stadt im Nordosten der Insel. Im letzten Jahr schoben sich in der Nebensaison Menschenmassen durch die Hauptstraße und über den Marktplatz. Busse hielten weit vor den Mauern, Autos kurvten auf ständiger Suche nach Parkmöglichkeiten durch die engen Gassen. Und jetzt – viel Platz.

Ob die Wochenmärkte, eine der touristischen Attraktionen der Insel, das Corona-Jahr überleben? Die Flatterkleidchen sind aktuell ebenso wenig gefragt wie handgemachter Modeschmuck oder authentische Korb-Flechterei von der Insel. Die Anbieter gehen auf Abstand in Nebenstraßen und reduzieren ihre ohnehin kleinen Preise noch einmal. Örtliche Gemüsehändler bieten die hiesigen Köstlichkeiten der Saison nicht mehr in der alten Halle an, sondern auf dem von alten Platanen beschatteten Marktplatz – inklusive frischen Hähnchenschenkeln.

Wie immer sitzen erschöpfte Marktbesucher in den kleinen Cafès drumherum. Auch auf Abstand natürlich und mit desinfizierenden Flüssigkeiten auf den Tischen in diesen Zeiten. Mein favorisierter Bäcker Darius, der hier zusätzlich ein Café betreibt, in dem besonders gerne Deutsche sitzen, und der immer gute Laune versprüht, sagt ernst: „Zurzeit haben wir einen 90-prozentigen Umsatzeinbruch.“

Im Touristenmekka Cala Ratjada, nur wenige Kilometer entfernt, spürt man das besonders: Normalerweise flanieren hier viele Menschen entlang der hübschen Promenade in bester Urlaubsstimmung auf der Suche nach Pizza und Pasta. Jetzt ist es zur Mittagszeit fast gespenstisch ruhig. Nur wenige bekannte Restaurants haben geöffnet. Manche sind leer! Und werben mit Liefer-Service.

Ein Resümee kann ich nach einem Hinflug mit Eurowings und bald zwei Wochen auf Mallorca ziehen: Es gibt hier kaum Gelegenheit, sich mit Covid-19 anzustecken. Schon deshalb, weil die Insel so wenig besucht ist. Viele Hotels haben sowieso schon jetzt die Wintersaison eingeläutet. Die Restaurants zählen die Gäste, die auch im Freien nicht mehr rauchen dürfen. Wenn jetzt nicht noch ein Herbstwunder in Form von Reiselockerung passiert, dann droht der Lieblingsinsel der Deutschen und ihren Gastgebern mehr als das Virus – ein wirtschaftlicher Untergang.

Übrigens lag die 7-Tage-Inzidenz auf Mallorca – Stand 11. September – bei 120 bis 170 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen; in Deutschland werden ab einem Wert von 50 Beschränkungen erlassen. Die Infektionslage ist angespannt, da ein besonders betroffenes Viertel in Palma mit circa 23.000 Menschen jetzt wieder ein Ausgangsverbot bekommen hat.