Serie "Angekommen": Salah flüchtet vor Al-Kaida aus Libyen nach Hilden

Hilden : „Ich habe keine Angst vor der Zukunft“

Salah Ali Ngab steht auf der Todesliste von al-Kaida. Der junge Journalist muss aus Libyen fliehen. Er verliert seine Heimat, rettet aber sein Leben. Er wird heute noch bedroht.

Salah Ali Ngab zittert nicht, als er erfährt, dass er auf der Todesliste von al-Kaida steht. Er hat keine Angst, sagt er und lächelt dabei ein wenig unsicher. Im ersten Moment, so erklärt Salah Ali Ngap heute, sei er sogar ein wenig stolz darauf gewesen. Er, der Schriftsteller und Journalist, der immer schon offen gegen Extremismus und Islamismus geschrieben hat, ist den Terroristen ein Dorn im Auge. Sie haben Angst vor ihm. Sein Nachbar sagt es Ende 2015 dem damals 34 Jahre alten Libyer. Der Cousin des Nachbarn hat sich der Terrorgruppe angeschlossen und ihm den Hinweis gegeben. Das hat Salah Ali Ngab das Leben gerettet.

Libyen ist kein sicheres Pflaster für Journalisten und Schriftsteller. Bis Gaddafi 2011 entmachtet und getötet wurde, hatte er die Presse unterdrückt, danach haben es islamistische Milizen übernommen. Salah Ali Ngab hat trotzdem geschrieben. Immer weiter, zuletzt als Chefredakteur einer Zeitung in Berbersprache. „Unter Gaddafi durften wir Berber unsere Sprache nicht benutzen, noch nicht einmal ein Lied singen“, erklärt er. Als der Despot weg ist, gründet Salah Ali Ngab die Zeitung. Außerdem ruft er eine liberale Partei ins Leben, erzählt er.

Jetzt sitzt er in Hilden, adrett gekleidet, der Anzug sitzt perfekt. Salah Ngab muss fliehen, als er die Nachricht von der Todesliste erhält. Er verliert seine Heimat, aber er rettet sein Leben. „Ich bin nach Tunesien geflüchtet und wusste erst mal nicht, was ich machen soll“, erinnert sich der 37-Jährige.

Seine Karriere als Journalist wird ihn später nach Deutschland führen. Denn Salah Ali Ngab schreibt in Libyen mutige Text, verurteilt Extremismus in jeglicher Form, eckt damit in dem instabilen Land an. Milizen haben die Macht, kontrollieren den Landstrich, aus dem er stammt. „2014 nehmen sie mich an meinem 33. Geburtstag fest und sperren mich in ein Geheimgefängnis“, sagt er. Eine Tortur beginnt. Aber der Berber kommt frei, ein Abkommen macht es möglich. Kurze Zeit später berichtet ihm sein Nachbar von der Todesliste.

In seinem tunesischen Exil erhält Salah Ali Ngab einen Anruf einer befreundeten Journalistin. Die Deutsche berichtet ihm, dass er einen Preis gewonnen habe: „Ich hatte ihr ein paar Monate zuvor ein paar Artikel geschickt und sie gleich wieder vergessen.“ Nun soll er in Berlin den Open-Eye-Award entgegennehmen, erzählt er. Eine große Ehre für den Journalisten.

Salah Ali Ngab fliegt nach Berlin und weiß schon vorher, dass er nicht mehr zurück nach Tunesien kommt. In der deutschen Hauptstadt beantragt er Asyl, kommt nach einem Tag gleich nach Neuss, wo er 25 Tage wartet. „Danach bin ich nach Hilden umgezogen und lebte ein paar Monate in einer Flüchtlingsunterkunft“, erzählt er. Nach sechs Monaten erhält er als politisch Verfolgter seine Aufenthaltsgenehmigung. Seine beiden Kinder und seine Frau dürfen nun auch nach Deutschland kommen. Zusammen beziehen sie ihre 75 Quadratmeter große Wohnung in der Innenstadt. „Hilden gefällt mir sehr“, sagt er. Die Menschen seien alle nett und hilfsbereit. „Es gibt viel weniger Rassismus als in Nordafrika“, erklärt er. Hautfarbe, Religion, Herkunft oder politische Ansichten spielten in seiner Heimat eine deutlich größere Rolle als bei uns, die Menschen seien in diesen Belangen radikaler. In Deutschland respektierten sich die Menschen trotz unterschiedlicher Meinung, Hautfarbe oder Religion. „Einzig das Wetter könnte besser sein“, sagt Salah Ali Ngab. Dabei lacht er.

Am 1. März startet ein neuer Lebensabschnitt für Salah Ali Ngab. „Ich beginne eine Ausbildung zum Krankenpfleger an der Uni Düsseldorf“, erklärt er. Die Zusage habe er bereits, der Vertrag stehe noch aus. „Ich habe schon in Libyen Medizin studiert. Und Krankenpfleger geht in dieselbe Richtung.“ Er möchte Menschen helfen. Nach seiner Ausbildung würde er gerne weiterstudieren. Anästhesie wäre genau das richtige für ihn, sagt er. Außerdem werde er als sogenannter Freelancer, als freier Journalist, für eine arabische Zeitung in England schreiben.

Sein Medizin-Studium in Libyen kann er nicht abschließen, er muss vorher fliehen. Angst vor dem Tod hat er nicht, auch wenn er sogar in Deutschland noch bedroht wird, beispielsweise via Facebook. Von Menschen, die bedauern, dass sie ihn in Libyen nicht in die Finger bekommen haben.

Einschüchtern lässt er sich aber nicht. Salah Ali Ngab hat ein besonderes Verhältnis zum Tod. Auf der Straße vor seiner Wohnung in der Hafenstadt Tripoli wird er 2004 von einem Auto angefahren. Er liegt im Koma, überlebt nur knapp. Zwei Jahre später fährt er auf derselben Straße im Auto. Salah Ali Ngab übersieht einen Fußgänger, der einfach auf die Straße läuft und kann nicht mehr bremsen. „Er hatte gerade ein Foto abgeholt, das er sich angeschaut hat. Eine Woche zuvor war sein Bruder gestorben. Und er ist mit einem Bild von ihm und sich über die Straße gelaufen“, sagt Salah Ali Ngab. Der Mann stirbt zehn Meter von der Stelle entfernt, an der Salah Ali Ngab selbst fast sein Leben verlor. „Damals hat sich meine Einstellung zum Tod geändert. Ich kann es sowieso nicht beeinflussen. Was kommt, das kommt“, sagt er. Deshalb können ihn die Drohungen von Terroristen auch nicht einschüchtern, erklärt Salah Ali Ngab.

Momentan schreibt er einen Roman. Er spielt 300 Jahre in der Zukunft, die Erde ist verwüstet, das Jüngste Gericht schon lange Geschichte. Eine düstere Zukunft.

Sein Deutsch ist schon sehr gut, die Verständigung klappt wunderbar. „Ich habe allerdings Schwierigkeiten mit den Artikeln. Bei mir ist alles ,die’ – das wird sich wahrscheinlich erst in ein paar Jahren ändern.“ Seine Gedichte trägt er hin und wieder vor Publikum vor. Hilden mag er, weil es ruhig ist, weil seine Familie hier ist, weil alle so nett sind.

In seine Heimat möchte er nicht mehr zurück, auch wenn zwei seiner sechs Geschwister noch dort mit den Eltern leben. Seine anderen Geschwister leben in den USA und in der Türkei. „Ich habe fast täglich Kontakt zu ihnen: Facebook, What’s App, Telefon.“ Sie wollen in Libyen bleiben, ihrer Heimat nicht den Rücken kehren.

Zu dem Nachbarn, der ihm damals mit seinem Hinweis das Leben gerettet hat, pflegt Salah Ali Ngab immer noch Kontakt. Über ihn hat er auch erfahren, dass der Al-Kaida-Cousin gestorben ist, sagt Salah Ngab – und lächelt dabei wieder ein wenig unsicher.

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