Hilden: Seniorenpflege kann weit besser sein als ihr Ruf

Hilden : Seniorenpflege kann weit besser sein als ihr Ruf

Gemeinnützige Einrichtungen profitieren davon, dass ihnen keine gewinnorientierten Aktionäre im Nacken sitzen.

Immer wieder liest man von schlimmen Zuständen in Pflegeeinrichtungen, von überforderten und unterbezahlen Mitarbeitern und unterversorgten Bewohnern. Dass es auch Gegenbeispiele gebe, wollten die Gemeinnützigen Seniorendienste "Stadt Hilden" und die Graf-Recke-Stiftung verdeutlichen und luden passend zum Internationalen Tag der Pflege Medienvertreter zum Gespräch in das Seniorenzentrum am Erikaweg ein.

Sowohl bei der "Stadt Hilden" als auch bei der Graf-Recke-Stiftung werde großen Wert auf eine nachhaltige Personalpolitik gelegt. Der Stellenschlüssel entspreche der gesetzlichen Vorgabe. Gehälter würden nach Tarif bezahlt. Eine ausgebildete Altenpflegefachkraft erhalte zwischen 2700 und 3400 Euro Bruttomonatslohn, zuzüglich Zeitzuschlägen, Altersversorgung und Weihnachtsgeld.

Auf der Einnahmenseite stehen die Sätze, die für die Unterbringung erhoben werden. Die Graf-Recke-Stiftung macht diese im Internet transparent und für jeden einsehbar. Dort ist nachzulesen, dass die monatliche Eigenleistung bei einer stationären Unterbringung je nach Haus zwischen 2628 bis 2811 Euro bei Pflegegrad 1 und zwischen 2328 und 2556 Euro bei Pflegegrad 2 bis 5 liegt. Wer diesen Betrag selbst nicht aufbringen kann, für den springt das Sozialamt ein, betont Beate Linz-Eßer, die Geschäftsführerin der Seniorendienste "Stadt Hilden". Dazu erhält die Stiftung die gesetzlich festgelegten Sätze aus der Pflegeversicherung, je nach Pflegegrad zwischen 125 und 2005 Euro pro Bewohner und Monat. Das klingt nach mehr, als was am Ende für den Träger übrigbleibt.

"Damit kann ich zwar keine jährliche Rendite von zehn Prozent erwirtschaften, aber uns reicht eine schwarze Null", sagt Michael Zieger. Der Einrichtungsleiter des Dorotheenviertels der Graf-Recke-Stiftung verweist damit auf manch privatwirtschaftlich arbeitende Einrichtung von Unternehmen, deren Aktionäre regelmäßig eine Gewinnausschüttung sehen wollen. Natürlich müssten auch gemeinnützige oder karitative Träger kleine Gewinne machen, um Rücklagen zu bilden. "Die bleiben aber im Unternehmen", sagt Linz-Eßer.

Auch angesichts des Fachkräftemangels gerade im Pflegebereich kann sie nicht verstehen, wieso Pflegemitarbeiter sich in manchen Einrichtungen mit Hungerlöhnen und schlechten Arbeitsbedingungen abspeisen ließen. Joachim Köhn, Geschäftsbereichsleiter "Wohnen & Pflege" der Graf-Recke-Stiftung, vermutet, dass sich viele einfach nicht trauten zu wechseln oder sich nicht über andere Einrichtungen informieren, in denen die Rahmenbedingungen besser seien.

In seinem Job zufrieden ist der ausgebildete Altenpfleger Lukas Richartz. Der 29-jährige Witzheldener sagt: "Ich habe irgendwann für mich festgestellt, dass ich gerne alte Menschen betreuen möchte. Ich freue mich immer, von ihrer Lebenserfahrung zu hören, von den Geschichten, die sie in ihrem Leben erlebt haben." Richartz hat eine Ausbildung bei der Graf-Recke-Stiftung absolviert und arbeitet seit 2016 in der Gerontopsychiatrie im Haus Ahorn im Dorotheenviertel der Graf-Recke-Stiftung. "Ich komme zum Dienst mit einem Lächeln und gehe nach Hause mit einem Lächeln weil ich weiß, dass ich etwas Gutes getan habe", versichert Richartz überzeugend. Sein Beruf sei sehr spannend und abwechslungsreich, sagt der Altenpfleger.

Dass er sich so wohlfühlt im Haus Ahorn, einer Einrichtung speziell für demente Bewohner, führt er auf mehrere Gründe zurück. Zum einen seien die Stationen nicht chronisch unterbesetzt, so wie in manch anderen Häusern. Jeder Mitarbeiter habe Zeit, sich um die Bewohner zu kümmern. Lediglich in außergewöhnlichen Personalsituationen wie bei der jüngsten Grippewelle würden Leiharbeiter hinzugeholt.

Mit dem Seniorenzentrum "Stadt Hilden" ist auch Wilhelm Dietrich sehr zufrieden. Der 85-Jährige betreute seine 2008 an Parkinson erkrankte Ehefrau jahrelang zuhause, später auch mit Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes. Von 2013 bis 2015 nutzten beide die Tagespflegeeinrichtung der Gemeinnützigen Seniorendienste "Stadt Hilden". Nach einer schweren Darmerkrankung war bald klar, dass seine Frau einen stationären Pflegeplatz brauchen würde. "Ich habe die Kontakte nutzen können, die ich inzwischen zu den Seniorendiensten aufgebaut hatte und auch ein bisschen Glück gehabt", erinnert sich Dietrich. Im Januar 2016 konnte seine Frau aus dem Krankenhaus direkt in das Seniorenzentrum wechseln. Sie ist vor zwei Monaten "im Kreis der Familie sanft entschlummert", sagt ihr Mann und ist voll des Lobes für die Pflegekräfte: "Es hat mir hier sehr gut gefallen, weil die Leute hier ihre Aufgaben mit viel Liebe und Verstand erfüllen." Zudem würden die Fachkräfte von rund 70 Ehrenamtlern unterstützt. Diese organisieren kleine Feste für die Bewohner ober verbringen einfach Zeit mit ihnen.

Dringend empfiehlt Dietrich Menschen, die in eine ähnliche Situation kommen, sich frühzeitig Unterstützung zu holen: "Pflegende Angehörige ohne Hilfe von außen gehen irgendwann kaputt", ist er überzeugt. Auch sei es hilfreich, rechtzeitig Patientenverfügungen aufzusetzen, rät er.

Um die Hemmschwelle beim Kennenlernen des Seniorenzentrums herabzusetzen habe man sich bewusst für ein offenes Haus entschieden. So stehe die Küche mittags auch Gästen von außerhalb des Zentrums zur Verfügung und wird auch rege nutzt. "So können Besucher das Haus schon einmal unverbindlich erkunden und Kontakt aufnehmen", sagt Beate Linz-Eßer.

(RP)
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