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Selbstverteidigung beginnt im Kopf

Hilden : Selbstverteidigung beginnt im Kopf

Anlässlich des „Internationalen Tags der Gewalt an Mädchen und Frauen“ hat die Gleichstellungsstelle mit dem Jugendparlament ein Projekt bestritten.

Stille. Allerhöchste Konzentration. Dann: ein Schrei, ein Schlag, Applaus. Amelie hat es geschafft: Sie hat mit der Faust ein Brett in zwei Teile geschlagen. Die Elfjährige strahlt, die anderen Mädchen um sie herum freuen sich mit ihr, es ist für sie alle eine unfassbare Erkenntnis, die sie bereits nach den ersten zwei Stunden im Selbstverteidigungskurs von Wen Do-Trainerin Petra Dellweg gelernt haben. Allein mit dem Glauben an sich kann man nahezu „Berge versetzen“.

„Man weiß, dass wenn ich nur so auf ein Brett schlage eine Kraft von etwa 30 Pfund entsteht, wenn ich aber richtig ausatme sind es schon 60 Pfund und wenn ich dann noch meinen inneren Kraftsatz, etwa „Ich schaffe das“ oder „Ich bin stark“ dabei herausschreie, sind es sogar 90 Pfund“, erklärt die Trainerin.

Dunja ist neun, gemeinsam mit den anderen zwölf Teilnehmerinnen des Selbstverteidigungsworkshops sitzt sie jetzt auf Turnmatten und lässt sich das, was sie heute bereits gelernt hat, noch einmal durch den Kopf gehen. „In der Schule haben mich schon ganz viele beleidigt, weil ich eine dunklere Hautfarbe habe als die. Da bin ich immer ganz traurig und jetzt weiß ich, dass die das extra machen wenn ich schwach aussehe. Oder einer, der ist ganz dick, der wird auch immer geärgert, der weint dann auch schon mal. Da muss man dann ganz gerade stehen und die Schultern nach vorne machen.“

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Die elfjährige Anissa nickt zustimmend. „Ja, man soll fest mit beiden Beinen auf dem Boden stehen und dem anderen ins Gesicht schauen, nicht direkt in die Augen, weil das bedrohlich wirken kann, sondern vielleicht auf die Nase“, sagt sie.. Das wirke selbstbewusst „und man strahlt nicht mehr die typische Opferhaltung aus.“ Petra Dellweg trinkt einen Schluck, schaut lächelnd in die Runde, die Mädchen erholen sich jetzt ein wenig, in dem sie auf den Turnmatten liegen oder sitzen und Holzbretter bunt bemalen, mit ihren ganz persönlichen Glaubenssprüchen: „Ich kann das“, „Ich bin stark“.

. „Ich erarbeite zu Beginn immer als erstes positive Kraftsätze, man weiß, dass sich das Gehirn eher auf Negatives fokussiert, daher ist es ganz wichtig, einfache positive Schaffensätze immer wieder laut zu wiederholen“, berichtet die Trainerin. Für manche Teilnehmer fühle sich das erstmal befremdlich an, „aber die Mädchen hier sind wirklich toll die arbeiten super mit und haben keine Hemmungen“, erklärt die Wuppertalerin.

Die Erfahrung, mit nahezu bloßer Willensstärke ein zwei Zentimeter dickes Holzbrett („so dick ist ungefähr der Schienbeinknochen eines erwachsenen Mannes“) zerschlagen zu können, sei elementar wichtig für die eigene innere Haltung, meint Petra Dellweg. „Das Wissen darum, dass ich etwas schaffe, was ich mir eigentlich nicht zutraue lässt sich in alle Lebensbereiche übertragen.“

Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt, Monika Ortmanns, verfolgt das Geschehen, man merkt: Sie ist von dem, was hier mit den Mädchen gerade an mentaler Entwicklung passiert, überwältigt. „Solche Kurse können nicht früh genug beginnen“, sagt sie, „eigentlich müsste es entsprechende Angebote bereits in allen Kitas geben.“

Amelie hat ihr Holzbrett fertig gestaltet, pustet die Farbe trocken, hält es hoch, betrachtet es zufrieden. „Ich bin stark“, steht darauf geschrieben. Amelie lacht. „Genauso fühle ich mich gerade.“