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Hilden: Säureopfer: "Tat ist kulturell geprägt"

Hilden : Säureopfer: "Tat ist kulturell geprägt"

Täter und Anstifter seien stolze Kurden, sagt Reyhan C. "Sie sind der Meinung, dass ihre Freundin ihr Eigentum ist."

Reyhan C. will sich nicht fotografieren lassen. "Ich gucke auch nicht mehr in den Spiegel, wenn es sich vermeiden lässt", sagt die 20-jährige Hildenerin. Ihr Äußeres mache sie traurig. "Ich hatte fast nie Pickel, und jede Hautunreinheit fand ich schrecklich."

Der verätzte Arm von Reyhans Großmutter Sultan A. Foto: ola

Das war, bevor ihr Exfreund Serhat K. sie mit Schwefelsäure übergießen ließ und dadurch ihre rechte Körperhälfte entstellt hat. Gestern erhielt die junge Frau in einer Duisburger Spezialklinik für Brandopfer einen Ganzkörper-Kompressionsanzug, der dafür sorgen soll, dass die Wunden besser heilen als bisher. "Ich muss ihn mindestens sechs Monate tragen und darf ihn nur eine halbe Stunde am Tag ausziehen", berichtet sie.

Am 29. Dezember hatte der 18-jährige Alan K. aus Langenfeld bei der Deutsch-Türkin geklingelt und ihr die Säure über Kopf und Körper geschüttet. Auch ihre Großmutter Sultan A., die versuchte, die Enkelin wegzuziehen, wurde verletzt. Der Täter stellte sich kurze Zeit später der Polizei, außerdem gestand der 22-jährige Exfreund — ebenfalls ein Langenfelder — Alan zur Tat angestiftet zu haben. Beide sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Nach Informationen unserer Zeitung soll gegen sie in Kürze Anklage erhoben werden.

Reyhan C. hat trotzdem weiterhin schlaflose Nächte. "Wenn ich einen dunkelhäutigen Jugendlichen sehe, der mich beobachtet, denke ich sofort, dass das der nächste ist, der mir im Auftrag von Serhat etwas antun soll", berichtet sie. Denn ihr Ex-Freund habe ihr, nachdem sie sich von ihm getrennt hatte, gedroht, sie so zu entstellen, dass kein anderer Mann sie mehr haben wolle.

Seit einigen Tagen geht die 20-Jährige, die ihr Fachabitur am Hildener Berufskolleg absolviert hat, wieder arbeiten. Sie macht zurzeit eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau in einem Düsseldorfer Baufachhandel. "Die Kollegen sind sehr nett und motivieren mich", erzählt sie. Das lenke sie von dem Erlebten ab. "Außerdem bin ich überrascht, dass mich Kunden ganz normal ansprechen. Ich hatte befürchtet, dass meine Verletzungen abschreckend wirken." Denn Haaransatz, Hals, Dekolletee, Arm und Bein seien rot und dick. "Ich kann den Kopf kaum drehen."

Von den Hildenern ist sie enttäuscht. "Der Bürgermeister hat mich zwar einmal besucht, und der Opferschutz ruft regelmäßig an, aber ansonsten hat sich niemand bei mir gemeldet." Da sie Alevitin sei, gehe sie nicht in die Hildener Moschee. "Trotzdem kennen die anderen Türken in Hilden uns. Ich hatte erwartet, dass sich jemand von ihnen mal nach mir erkundigt." Auch aus Langenfeld habe niemand Mitleid gezeigt oder sich entschuldigt. "Die Tat ist ganz klar kulturell geprägt", sagt Reyhan C. "Serhat ist ein sehr stolzer Kurde und hat die Einstellung, dass die Frau, mit der er zusammen ist, ihm gehört." In der Duisburger Klinik sei sie das erste Opfer eines Säureanschlags aus Deutschland.

Die 20-Jährige wünscht sich, dass die Politiker auch in der Itterstadt alles daran setzen, dass sich ein ähnlicher Fall nicht wiederholt. "Das Rechtssystem muss geändert, das Stalkinggesetz verschärft werden", sagt sie. "Bei der Polizei hat mich vor der Tat kaum einer ernst genommen."

(RP/rl/ac)