Qiagen entwickelt Turbo-Test für Keime

Hilden : Qiagen entwickelt Turbo-Test für Keime

Vorstand Barthold Piening über die Eröffnung einer neuen Produktionsstrecke am Standort Hilden.

Kopfschutz, Mundschutz, der ganze Körper inklusive Schuhe ist in blaue Schutzkleidung gehüllt: Während hinter der Glasscheibe die Labor-Mitarbeiter mit Pipetten und Plastik-Kartuschen hantieren, stehen rund 40 Mitarbeiter in einfacher Straßenkleidung auf der anderen Seite und applaudieren begeistert. Der optische Kontrast könnte kaum größer sein, und doch haben alle gemeinsam den gleichen Grund zum Feiern. Das Hildener Unternehmen Qiagen  hat an diesem Tag einen neuen Produktionsbereich, der am Standort ausgebaut worden ist, in Betrieb genommen. Das Produkt, um das es geht und das künftig dort in großer Stückzahl hergestellt wird, trägt den für Laien kryptischen Namen QIAstat-Dx. Was es damit auf sich hat, und warum dieser Tag ein guter für viele Patienten in Deutschland sein könnte, erläutert Barthold Piening (60), Doktor der Pharmazeutischen Chemie und seit Dezember vergangenen Jahres Vorstandsmitglied und Leiter Operations bei Qiagen

Herr Dr. Piening, dass Ihr Unternehmen den Start der neuen Produktionsräume intern bejubelt, ist nachvollziehbar. Verraten Sie uns, warum auch der einfache Patient Grund haben könnte, sich über die Produktion von QIAstat-Dx-Kartuschen zu freuen?

Piening Jeder Patient, der mit einem Atemwegs-Infekt ein Krankenhaus aufsucht, wird künftig von unserem Produkt profitieren. Er wird deutlich schneller und einfacher als bisher eine hoch-präzise Diagnose der Krankheit bekommen, die dann gezielt auf seine Krankheit zugeschnitten therapiert werden kann.

Wie habe ich mir das vorzustellen?

Piening Wenn Sie heute mit diffusen Atemwegsbeschwerden zum Arzt gehen, bekommen Sie meist ein klassisches Breitband-Antibiotikum verschrieben. Falls das nicht wirkt, erhalten Sie zwei Wochen später ein anderes. Danach wird weiter untersucht – es können Wochen, manchmal sogar Monate vergehen, in denen Sie nicht wissen, woran genau Sie leiden. QIAstat-Dx dreht diesen Prozess um und ermöglicht einen präzisen Test auf viele Erreger gleichzeitig – und in kürzester Zeit.

Was genau kann das Produkt?

Piening Herzstück ist die jetzt auch in Hilden produzierte Kartusche, die als  Schnelltest auf 21 verschiedene Erreger von Atemwegs-Infekten wirkt. Die Ergebnisse beruhen auf dem Nachweis der DNA der Erreger und sind daher hoch-präzise. Das Besondere dabei ist neben der Genauigkeit und der Schnelligkeit aber vor allem auch die Einfachheit der Bedienung. Diese Nachweismethoden der DNA sind noch nie so einfach und schnell möglich geworden. Ein Nebenhöhlen-Abstrich reicht völlig aus, die beladene Kartusche kommt in das Gerät – und innerhalb von etwa einer Stunde haben Sie ein verlässliches Ergebnis.

Lässt sich dieser Test auch auf andere Bereiche der Medizin übertragen?

Piening Ein Test auf gastrointestinale Krankheitserreger, also Magen-Darm Erkrankungen, ist bereits auf dem Markt und wir planen die Einführung in verschiedenen weiteren Diagnose-Feldern, wie Hirnhautentzündung oder Harnwegsinfekten. Ich bin zuversichtlich, dass dieses neuartige Testsystem sich in vielen Bereichen durchsetzen wird. Dass wir die Kartusche jetzt hier in Hilden in den neuen Räumlichkeiten herstellen können, macht uns wirklich sehr stolz.

Sie persönlich waren bis vor ihrem Wechsel zu Qiagen beim Pharmakonzern Stada beschäftigt. Kann man sagen, dass Sie in Ihrer neuen Funktion Ihrem alten Unternehmen immer noch nutzen?

Piening  Das würde ich keineswegs auf Stada beschränken. Wir arbeiten mit vielen verschiedenen Unternehmen aus der Pharma-Industrie eng zusammen. Das bringt unsere Tätigkeit einfach mit sich.

Sie haben gesagt, Sie freuen sich über die Fortentwicklung am Standort Hilden. Wie zufrieden sind Sie mit den Gegebenheiten hier?

Piening  Wir haben räumlich hier wirklich tolle Gegebenheiten. Für unsere Produktionsverfahren benötigen wir sogenanntes Reinraum-Klima – das bedeutet: nicht keimfrei, aber sauber. Diese Gegebenheiten konnten wir auch in diesem Projekt optimal räumlich umsetzen, und das in kürzester Zeit. Die Bausubstanz gibt das einfach her. Noch mal: Wir sind hier sehr zufrieden.

Und das, obwohl man in anderen Städten des Kreises durchaus mehr Steuern sparen könnte?

Piening  Steuern sind nicht alles. Wie eben schon gesagt – die Bedingungen, die wir am Standort Hilden vorfinden, passen gut zu uns.

Ihr Arbeitsfeld hat sich in den vergangenen Jahrzehnten geradezu explosionsartig entwickelt. Allein Ihr Unternehmen ist von einem kleinen Start-Up auf ein Niveau von 5000 Mitarbeitern durchgestartet. Gibt es für die Zukunft auf Ihrem Betätigungsfeld überhaupt  irgendein Limit?

Piening  Die Schnelligkeit, mit der sich technologische Entwicklung und medizinische Forschungsprozesse heutzutage vollziehen, ist schon enorm und macht uns natürlich Hoffnung, auf unserem Gebiet vieles entwickeln zu können, das Patienten künftig ganz konkret helfen kann. Wir arbeiten eng mit unseren Kunden in der Wissenschaft zusammen, auch mit vielen Nobelpreisträgern. Ganz wichtig ist dabei, immer zu wissen, dass Weiterentwicklung kein Selbstzweck ist, sondern immer mit einem konkreten Ziel verbunden wird.: Verbesserungen der Lebensqualität ermöglichen.

Bei allem Forscherdrang und Unternehmergeist – was macht der Privatmann Piening, wenn er vom Beruf einmal abschalten möchte?

Piening Ich habe gemeinsam mit meiner Familie den Reitsport für mich entdeckt. Wann immer sich die Möglichkeit ergibt, reiten wir zusammen aus. (lacht) Und auch was das angeht, ist der Standort Hilden wirklich gut aufgestellt.

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