Hilden: Prävention gegen Missbrauch

Hilden : Prävention gegen Missbrauch

Frühe Aufklärung kann Kinder davor schützen, Opfer sexueller Gewalt zu werden, sagt die Diplom-Sozialpädagogin Susanne Hentschel. Eltern sollten ihre Kinder darin bestärken, nein zu sagen, wenn ihnen Berührungen unangenehm sind.

In jeder zweiten deutschen Schule gab es seit 2008 Verdachtsfälle auf Missbrauch. In Internaten und Heimen lag der Anteil deutlich darüber. Das ist das erschreckende Ergebnis einer Studie des deutschen Jugendinstituts. Frühe Sexualerziehung könne ein Schutz gegen sexuelle Gewalt bei Kindern sein, sagt Diplom-Sozialpädagogin Susanne Hentschel von der Präventionsstelle gegen sexuellen Missbrauch bei Kindern beim Hildener Jugendamt. RP-Redaktionsleiterin Barbara Jakoby sprach mit ihr.

Frau Hentschel, spiegeln die Ergebnisse der Studie Ihre Erfahrungen aus der Arbeit in Schulen und Kindergärten wider?

Hentschel Ich habe keine konkreten Zahlen hierzu. Es gibt aber immer wieder Verdachtsfälle.

Sie setzen auf frühe Sexualerziehung als Schutz gegen den Missbrauch. Viele Eltern haben damit ein Problem.

Hentschel Ja, das ist für einige Eltern ein heikles Thema. Erwachsene sind häufig nach wie vor ängstlich, weil sie nicht wissen, wie viel und was sie im Rahmen der Sexualaufklärung mit ihrem Kind besprechen sollen. Dabei ist das eigentlich nicht so schwierig.

Sagen Sie!

Hentschel Ja, wenn Eltern sich bewusst machen, dass sich kindliche Sexualität sehr von der erwachsenen Sexualität unterscheidet. Bei Erwachsenen ist sie auf die sexuelle Befriedigung ausgerichtet. Kindliche Sexualität hat mit dem lustvollen und spielerischen Entdecken und Wahrnehmen des eigenen Körpers zu tun. Das sollten Eltern fördern. Durch eine kindgemäße Sexualerziehung wird das Selbstbewusstsein gestärkt und trägt zur Stabilität der Persönlichkeit bei.

Wann soll die Aufklärung beginnen?

Hentschel Von Geburt an. Im ersten Lebensjahr kann durch eine vertrauensvolle Bindung zwischen Eltern und Kindern ein Grundpfeiler für die Sexualerziehung geschaffen werden. Beim Schmusen und zum Beispiel der Babymassage — oder anderen Übungen, wie es etwa in Pekip-Kursen gelehrt wird —, entdecken die Kinder ihren Körper und entwickeln ein Bewusstsein, welche Berührungen ihnen angenehm sind oder unangenehm, und es fördert die Beziehung zwischen Kind und Mutter. Das unterstützt die Entwicklung eines positiven Körpergefühls. Eltern sollten in diesem Zusammenhang ihr Kind unterstützen, unangenehme Berührungen abzuwehren.

Also auch Aufforderungen wie: Gib Tante Martha ein Küsschen. . .

Hentschel Ja, oder: Gib das schöne Händchen. Kinder müssen das Recht haben, nein zu sagen bei Berührungen, die sie als unangenehm empfinden. Eltern sollten sie unbedingt darin bestärken, dass sie selbst entscheiden dürfen, wer ihnen nahe kommen darf, aber vielleicht auch manchmal muss, wie Ärzte, und wer nicht. Wesentlich ist hierbei auch, dass die Eltern Menschen wie zum Beispiel Tante Martha dies auch erklären. Die Akzeptanz des sich natürlich entwickelnden Schamgefühls der Kinder seitens der Eltern verhilft den Kindern zu einem sicheren Körpergefühl.

Ein absoluter Schutz ist es aber nicht.

Hentschel Leider nein, jedes Kind kann potenziell ein Opfer sexueller Gewalt werden. Ich-starke Kinder haben aber größere Chancen, nicht zum Opfer zu werden, denn die Täter suchen sich in der Regel eher Jungen und Mädchen aus, die dieses Selbstbewusstsein nicht ausstrahlen und eher ängstlich, traurig oder einsam wirken.

Die Warnung vor dem "fremden Mann" hat ausgedient, seit bekannt ist, dass die meisten Sexualtäter aus dem Familien- oder Freundeskreis der Kinder kommen. Muss man Kinder konkret warnen, was passieren kann?

Hentschel Es ist wichtig, Kinder ihrem Alter entsprechend aufzuklären und sie nicht mit schwierigen Begriffen und Inhalten zu überfordern. Kinder haben ein Gespür dafür, wenn etwas Gefährliches passiert. Es ist wichtig, diese Sensibilität zu fördern.

Die Täter treten aber oft als "gute Onkel" auf, locken mit Versprechungen von schönen Erlebnissen oder mit tollen Geschenken. Da ist die Versuchung für ein Kind doch groß.

Hentschel Deshalb helfen nur klare Handlungsanweisungen, zum Beispiel: Lass dir keine Berührungen gefallen, die du nicht magst! Geh mit keinem Fremden! Steig in kein Auto ein! Mach die Tür nicht auf, wenn du allein zu Hause bist! Vom Kindergarten darf dich nur Herr oder Frau XY abholen, wenn ich nicht kann! Kinder brauchen Eindeutigkeit. All das kann man mit ihnen einüben. Es soll auch mit ihnen besprochen werden, dass sie im Zweifelsfall Hilfe holen sollen und wer diese Helfer sein können.

(RP)