Hilden: „Man muss die Scheinheiligkeit auch bei sich selbst suchen“

Hilden : „Man muss die Scheinheiligkeit auch bei sich selbst suchen“

Am 9. Mai tritt Comedian Johann König in der Stadthalle Hilden auf. „Jubel, Trubel, Heiserkeit“ heißt sein aktuelles Programm. Der Vorverkauf beginnt.

Johann König, 46, lebt mit seiner Frau, drei Kindern, Hund und Katze in Köln. Geboren in Soest, absolvierte der Comedian nach dem Abitur eine Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger. Er studierte Sport auf Lehramt an der Sporthochschule Köln, brach das Studium jedoch im 19. Semester ab. Erste Auftritte bei Harald Schmidt und im Quatsch-Comedy-Club folgten. Heinz Ehrhardt ist sein Vorbild; Helge Schneiders Humor mag er, wie er uns im Gespräch verraten hat.

Wie sind sie zur Comedy gekommen? War das schon immer ihr Berufswunsch oder eher ein Zufall?

König Es war eher Zufall. Ich habe damals Nachtwachen im Krankenhaus gehalten und dabei aus Langeweile Gedichte geschrieben – Tiergedichte, Quatschgedichte. Meinen ersten Auftritt hatte ich im Literaturcafé ZapZarap in Köln: Nach zehn Kölsch habe ich ein Gedicht vorgelesen, das ich während der Nachtwache geschrieben hatte. Und überraschenderweise haben alle gelacht.

Apropos Köln: Wie halten sie es als gebürtiger Westfale mit dem Karneval? Flüchten Sie oder feiern Sie mit?

König Anfangs bin ich geflüchtet, ich habe die Kölner auch nicht verstanden. Inzwischen gefällt’s mir, aber meine Frau flüchtet immer noch mit den Kindern.

Sie stehen seit über 20 Jahren auf der Bühne. Macht Ihnen das noch Spaß oder ist das ein Broterwerb wie jeder andere?

König Beides. Früher habe ich gesagt: Ich gehe mal Quatsch machen, jetzt sage ich zu den Kindern, ich gehe arbeiten. Die Auftritte sind immer wieder eine Herausforderung. Es gilt jeden Abend, das Timing richtig zu setzen. Mal mache ich eine Sekunde Pause vor der Pointe, mal fünf Sekunden, das ist Gefühlssache und macht Spaß.

Lassen Sie schreiben oder stammt alles aus der eigenen Feder?

König Ich beschäftige keine Autoren. Solange ich Ideen habe, mache ich weiter. Es gibt ja diese Tage, da hat man einfach keine Lust auf gar nichts. Wenn ich dann aber einmal auf der Bühne stehe, kommt die gute Laune automatisch.

Woher nehmen Sie ihre Ideen?

König Aus allem: Ich höre im Radio, dass eine Autorin die These vertritt, Kinder in die Welt zu setzen, sei die größte Umweltsünde, weil sie im Laufe ihres Lebens Unmengen CO2 produzieren. Ich denke ja in eine ähnliche Richtung. Kinder essen viel Fleisch und tragen ständig neue Gummistiefel. Oder: Ich frühstücke im Café und beobachte, dass jemand so telefoniert, als würde er mit der schmalen Seite einer Tafel Schokolade sprechen, weil er das Handy so komisch hält. Oder: Ich gehe in den Biosupermarkt, sehe dort Leute, die den Fahrradhelm im Markt tragen und frage mich, wovor sie Angst haben? Dass ihnen die Biobananen auf den Kopf fallen?

Wie entsteht ein Comedy-Programm bei Ihnen?

König Ich sammele alle meine Ideen und Beobachtungen in einer Kiste, hole die nach zwei Jahren raus und gucke, wie das alles zusammenpasst. Das ist eine Fleißarbeit, bei der ich viel herumliege. In der Sauna, der Badewanne oder dem Bett entscheide ich, was ins Programm kommt.

Wie lernen sie Ihre Texte?

König Mit meinen Geschichten beschäftige ich mich tagelang. Irgendwann habe ich die Struktur in mir aufgenommen. Dann sind es Stichworte, an denen ich entlang erzähle, und vor einer Premiere erzähle ich mir alles laut. Neues spiele ich erst in kleineren Sälen, aber immer gleich professionell. Gesteigert wird nur die Zuschauerzahl.

Was macht das jüngste Familienmitglied, der griechische Hund?

König Der muss ins Arbeitslager, also zum Hundetrainer, weil er mir nicht gehorcht, sondern rückwärts aus dem Raum rennt, weil er Angst vor Männern hat, offenbar von denen geschlagen worden ist. Er ist das vierte Kind, das Kind mit Fell – und größer geworden, als wir erwartet haben.

Was für eine Art von Comedian sind Sie?

König Ich thematisiere das, was ich erlebe: Kinder, Erziehung, Umwelt, auch Politik. Eheprobleme – es lassen sich gerade viele scheiden – Vorurteile, Rassismus – alles ohne moralische Einordnung, ich posaune meine Haltung nicht raus, denn ich bin kein Kabarettist. Mir geht es nicht um den Gesinnungsapplaus. Dann würde ich sagen: ‚Fährt der Grüne im SUV zum Biosupermarkt‘ aber ich sage: ‚Ich fahre im SUV zum Biosupermarkt‘. Man muss die Scheinheiligkeit auch bei sich selbst suchen.

Wenn Sie von Feinstaub produzierenden Adventskränzen reden oder von kleinen Kindern als Umweltsünde – wie tolerant ist Ihr Publikum? Erhalten Sie auch Schmäh-E-Mails?

König Ja, natürlich, aber ich ignoriere sie. Ich ignoriere auch Shitstorms auf Facebook. Aber ich sehe zu, obwohl ich eigentlich nicht so diszipliniert bin, dass ich immer gut vorbereitet auftrete. Ich trinke zum Beispiel nie vor dem Auftritt Alkohol.

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