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Lore Agnes war unsere erste Abgeordnete in der Nationalversammlung

Vor 100 Jahren bekamen die Frauen in Deutschland das Wahlrecht : Lore Agnes war unsere erste Abgeordnete in der Nationalversammlung

Lore Agnes war eine mutige Frau und Vorkämpferin. Sie wurde 1919 im Wahlkreis Düsseldorf-Ost für die USPD in die Nationalversammlung und später in den Reichstag gewählt.

Im Jahr 1918 brach das Kaiserreich zusammen. Der Rat der Volksbeauftragten führte am 12. November 1918 das gleiche, geheime, direkte und allgemeine Wahlrecht für Frauen und Männer ab 20 Jahre ein – per Dekret.

Jetzt durften auch die Frauen wählen. Es war eine Revolution in der Revolution. Rund 50 Jahre, seit der Revolution 1848/49, hatten Frauen in Deutschland für ihr Wahlrecht gekämpft. Das deutsche Reich gehörte nach Neuseeland (1898), Australien (1902), Finnland (1908), Norwegen (1913), Dänemark und Island (1915) und der Sowjetunion (1917) zu den ersten Ländern, die das aktive und passive Wahlrecht für Frauen einführten. Zum Vergleich: Frankreich (1944), Italien (1945) oder Griechenland (1952) folgten erst viel später.

Eröffnung der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung im Nationaltheater in Weimar am 6. Februar 1919. Foto: epd/akg-images

Vor der Wahl zur Nationalversammlung im Januar 1919 versuchten alle Parteien, gezielt die Frauen anzusprechen. Etwa zehn bis 25 Prozent der Wahlwerbung richtete sich ausschließlich an sie.

„Arbeiter, Buerger, Bauern, Soldaten aller Staemme Deutschlands vereinigt Euch zur Nationalversammlung“: Wahlaufruf 1919. Graphische Gestaltung: Cesar Klein (1876-1954). Foto: picture-alliance / akg-images/dpa

„Frauenstimmrecht ist Frauenstimmpflicht“, titelte die Rheinische Volkszeitung am 19. November 1918 und versuchte in einem langen Artikel die Frauen „mit allem Nachdruck daran zu erinnern, wie wichtig die Wahrnehmung ihres neuen Rechtes ist, und welche Verantwortung sie durch seine Vernachlässigung übernehmen“.Das Frauenstimmrecht wurde nicht in allen Kreisen akzeptiert, so die Historikerin Erika Stubenhöfer in ihrem Aufsatz „Damenwahl oder Frauenstimmrecht“ (Internet-Portal Westfälische Geschichte). Dafür lieferte die Ratinger Zeitung vom 31. Dezember 1918, ein gutes Beispiel. Unter der Überschrift „Die Gefahr der Frauenherrschaft“ zitierte dort „die Schriftleitung“ aus einem englischen Artikel. Dieser berichtete über schlechte Eigenschaften der Frauen, besonders über deren angebliche Neigung zu Indiskretionen: „Und jetzt, wo den Frauen, vom Wahlrecht an, alles gewährt zu werden scheint, was sie verlangen, ist die Gefahr der Frauenherrschaft weit mehr als eine bloße Chimäre.“

Die USPD lud für den 17. Januar 1919 zu einer Frauenversammlung in die Ratinger Gaststätte Kaiserburg ein: „Diese Versammlung muss zu einer gewaltigen Kundgebung der Ratinger Frauen werden.“ Am Tag vor der Wahl veröffentlichte die USPD noch einmal einen Aufruf an die Wähler: „Es geht ums Ganze!“

Mit Erfolg: Bei der Wahl zur Nationalversammlung in Weimar am 19. Januar 1919 wurde Lore Agnes im Wahlkreis Düsseldorf-Ost (Stadt Kreis Essen, Kreis Essen, Düsseldorf, Kreis Düsseldorf, Elberfeld, Barmen, Kreis Mettmann, Remscheid, Kreis Lennep, Solingen, Kreis Solingen) gewählt – als eine von 37 Frauen und 386 Männern. Ihr gelang eine Sensation, schreibt Erika Stubenhöfer. Weil sie die Liste der USPD auf Platz 1 anführte. Auch alle andere Parteien hatten zwar Frauen aufgestellt (310 insgesamt), meist jedoch auf aussichtslosen hinteren Listenplätzen, wie das Ergebnis zeigt.

Lore Agnes wurde 1876 als Tochter eines Bergmanns in Bochum geboren. Nach dem frühen Tod des Vaters wurde sie Dienstmädchen in Düsseldorf – und machte dabei schlechte Erfahrungen wie so viele ihrer Kolleginnen. Als Dienstmädchen arbeiteten in der Regel junge Frauen, weil sie arm waren oder nichts Besseres gefunden hatten. Viel Arbeit rund um die Uhr (ein freier Sonntag alle 14 Tage), wenig Geld: Der größte Teil der Bezahlung bestand aus Kost und Logis – meist ein Klappbett auf dem unbeheizten Hängeboden. Am schlimmsten war jedoch: Dienstbotinnen standen in einem extrem hohen, persönlichen Abhängigkeitsverhältnis. Sie waren dem Willen und der Willkür ihrer „Herrschaft“ mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. 1905 kamen 27 Prozent aller Kinder in Göttingen unehelich zur Welt – die höchste Unehelichen-Geburtenrate im Deutschen Reich. Die Geschichtswerkstatt Göttingen vermutet, dass sich unter den unehelichen Müttern sehr viele Dienstmädchen befanden: „Ein Gesetz von 1793 besagte, dass Studenten nur dann Alimente zu zahlen brauchten, wenn die Klägerin eine „Verführung“ eindeutig beweisen konnte.“

Lore Agnes schloss sich der sozialistischen Frauenbewegung an und heiratete 1906 den Düsseldorfer Gewerkschaftssekretär Peter Agnes. Sie zog von Ort zu Ort und begann die Dienstmädchen zu organisieren. Der von Lore Agnes mit gegründete „Verband der Hausangestellten“ setzte sich für sie und ihre Rechte ein.

Für eine Rede auf einer Friedens-Demo in Düsseldorf musste die Pazifistin 1914 für mehrere Wochen in Untersuchungshaft. 1917 wurde sie erneut verhaftet, weil sie angeblich zu einer internationalen Frauensitzung in Zürich ohne Papiere ausgereist war. Im selben Jahr schloss sie sich der USPD, dem linken Flügel der Sozialdemokraten an, und wurde Mitglied der Zentralen Leitung der Partei.

Nach der Wiedervereinigung mit der SPD saß Lore Agnes für die Sozialdemokraten im Reichstag – bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 – und engagierte sich vor allem für die Sozial- und Frauenpolitik. In diesen 14 Jahren hatten nur 111 Frauen ein Mandat in der Nationalversammlung und in den acht Legislaturperioden des Reichstages.

Als Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, ging Lore Agnes in den Untergrund, wurde aber bald verhaftet und erst nach schwerer Erkrankung wieder freigelassen. 1934 war sie erneut mehrere Monate im Gefängnis, 1938 wurde sie aus politischen Gründen arbeitslos. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde sie erneut für mehrere Monate inhaftiert. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches beteiligte sich Lore Agnes in Düsseldorf am Wiederaufbau der Arbeiterwohlfahrt und der örtlichen SPD. Sie starb am 9. Juni 1953 in Köln, wurde aber auf dem Nordfriedhof in Düsseldorf beigesetzt.

Ihre politische Mitstreiterin Elvira Rosenberg (USPD) aus Mariendorf bei Berlin fragte 1919: „Ja, wie sollen wir denn politisch selbstständig werden, wenn wir im Hause fast nichts zu sagen haben?“ Deshalb fordert sie: „Der Sozialismus muss zuerst im Hause anfangen.“ Elvira Rosenberg fand es nicht schlimm, dass die Frau das Geld für die Familie verdient und der Mann sich um Haushalt und Kinder kümmert – „und das Gemüse fertig kochen ließe“. Das war vor 100 Jahren – und klingt heute noch ziemlich aktuell.