Lipödem - Hildener Netzwerk unterstützt Patienten

Hilden : Dicke Beine – mehr als ein Schönheitsfehler

Ein Lipödem ist für die Patientinnen körperlich wie psychisch sehr belastend. Ab 2020 übernehmen die Kassen die Fettabsaugung im dritten Stadium. Dann allerdings ist die Lage schon ernst.

Für die Betroffenen ist es eine frustrierende Erfahrung: Im Versuch, Gewicht zu reduzieren, treiben sie Sport, achten auf ihre Ernährung – aber die Fettpolster an den Beinen wollen trotz aller Anstrengungen nicht verschwinden. Im Gegenteil: Druckschmerzen kommen hinzu, schnell bilden sich bei Berührung blaue Flecken. Dahinter kann ein Lipödem stecken, eine krankhafte Fettverteilungsstörung, an der fast ausschließlich Frauen leiden. Das lasse sich nicht weghungern, erklärt Dr. Horst Peter Steffen, Chefarzt der Hildener Capio Klinik: „Auch entwässernde Medikamente sind völlig fehl am Platz.“

Typischerweise wachsen die Fettpolster auch bei einem schlanken Oberkörper symmetrisch an den Beinen und gelegentlich auch an den Armen. Warum, ist laut Steffen nicht abschließend geklärt. „Es gibt aber eine familiäre Häufung“, berichtet der Chirurg und Gefäßspezialist. Bekannt ist, dass die Erkrankung oft im Zusammenhang mit hormonellen Veränderungen in der Pubertät, Schwangerschaft und den Wechseljahren auftritt. Die Diagnosestellung ist dabei nicht immer ganz einfach: „Es gibt keinen Laborwert, anhand dessen ein Lipödem diagnostiziert werden kann“, erklärt Steffen. So müsse man auch andere mögliche Ursachen für die Schwellungen in den Beinen, wie Adipositas oder eine Venen- oder Herzschwäche in Betracht ziehen. Bei stark übergewichtigen Patienten zum Beispiel werde die Krankheit erst nach Gewichtsabnahme erkennbar.

Die Leitlinie unter Federführung der „Deutschen Gesellschaft für Phlebologie“ unterscheidet drei Stadien des Lipödems: Im ersten zeigt sich eine noch glatte Hautoberfläche mit verdicktem Gewebe. Im zweiten Stadium ist die Haut wellig, es bilden sich knotenartige Strukturen. Im dritten Stadium wiederum hat das Volumen der Beine noch einmal zugenommen, die Haut spannt und die Gelenke sind stark belastet. Eine ursächliche Behandlung gibt es nicht. Dafür versuchen unterschiedliche Therapieansätze, die Lebensqualität der Patientinnen zu erhöhen und die Beschwerden zu verringern. Dazu gehören etwa die manuelle Lymphdrainage oder Kompressionstherapie, die Hautpflege – und oft auch eine psychologische Unterstützung, da die Krankheit viele Betroffene zermürbt und an ihrem Selbstwertgefühl nagt.

Um in schweren Fällen wirklich Fett loszuwerden, hilft letztlich nur eine Operation: „Am Ende läuft es auf die Fettabsaugung, die Liposuktion, hinaus“, sagt Dr. Steffen, der selbst viele Betroffene in der Hildener Capio Klinik behandelt. Bei diesem Eingriff entnimmt er Patientinnen in der Regel an mehreren Terminen gleichmäßig Fett – teilweise bis zu zehn Liter.

Während die Krankenkassen die zur Nachsorge unerlässliche Lymphdrainage zahlen, erstatten sie die Kosten für die eigentliche Operation bislang nicht. Das soll sich zum 1. Januar 2020 ändern – wenn auch fürs erste nur testweise bis zum Jahr 2024, und nur für Patienten in Stadium drei. Zu einer generellen Übernahme konnte sich der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) noch nicht durchringen – wegen der „unklaren Risiko-Nutzen-Relation“, wie das Ärzteblatt kürzlich aus einem Brief des G-BA-Vorsitzenden Josef Hecken an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zitierte.

Wie bei anderen Eingriffen habe zwar auch die Liposuktion Risiken wie Wundheilungsstörungen oder Kreislaufprobleme, stellt Dr. Horst Peter Steffen klar. Zugleich wünscht sich der Spezialist eine Kostenerstattung bei Bedarf schon in Stadium zwei: Denn eine Operation in dieser Phase könne aufwändige Folgebehandlungen der Haut und weitere Fettabsaugungen einsparen: „Im Stadium zwei“, betont er, „können wir das Lipödem gut in den Griff bekommen.“

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