Landwirte fühlen sich als Sündbock

Proteste im Kreis : Landwirte fühlen sich als Sündenbock

Respekt für ihre Arbeit ist es, der vielen Bauern im Kreis fehlt. Sie wollen Vorurteilen der Verbraucher entgegen steuern.

Die permanente negative Stimmungsmache gegen Landwirte führe zu Frust im Berufsstand. Das berichtet Martin Dahlmann, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Mettmann. „Klimawandel, Insektensterben, Energiewende – wir wollen nicht ständig der Sündenbock für alles sein“, beklagt der Landwirt.

Diesen Unmut drücken auch die jüngsten Proteste gegen das Agrarpaket der Bundesregierung aus. Landesweit hatten sich tausende Landwirte mit Traktoren auf den Weg nach Bonn gemacht, darunter auch einige aus dem Kreis Mettmann – rund 30 Traktoren waren es, die dann im Konvoi um 5 Uhr morgens durch Hilden in Richtung Bonn gefahren sind. „Wir haben uns mit zwei Traktoren dem Protestzug nach Bonn angeschlossen“, berichtet Sven Breloh, dessen Familie das Gut Holterhof führt. Dabei handelt es sich um einen Familienbetrieb, spezialisiert auf Kühe und Milchwirtschaft, der mittlerweile in der dritten Generation geführt wird. „Zwar leiten meine Eltern den Hof, ich und meine beiden Brüder helfen aber, wo wir können, auch wenn wir eigentlich in anderen Berufen arbeiten. Denn wir wollen, dass der Hof auch noch möglichst lange fortbesteht“, erläutert Breloh.

Denn die aktuelle Politik gefährde aus Sicht vieler Bauern die Familienbetriebe. Aber auch von den Verbrauchern fühlen sie sich allein gelassen, die einerseits große Mengen für wenig Geld konsumieren wollen, anderseits aber die Bauern für alles verantwortlich machen. „Die Leute verstehen nicht, dass wir Teil des Problems, aber auch Teil der Lösung sind“, erklärt der Kreisbauernvorsitzende Dahlmann. „Wir wollen wieder wahrgenommen werden, wir müssen auch wirtschaftlich arbeiten. Doch das ist ein langer Weg.“

Welchen Stellenwert die Landwirtschaft bei Politik und Verbrauchern habe, sieht Dahlman beispielsweise in der Insolvenz des Touristikkonzerns Thomas Cook. Da habe die EU-Kommission mal eben einen Rettungskredit der Bundesregierung in Höhe von 380 Millionen Euro genehmigt. Die Landwirte hingegen würden meist jahrelang um Beihilfen kämpfen.

Eine weitere Angst der Landwirte ist der Strukturwandel. Früher seien es nur rund zwei Prozent der Höfe gewesen, die jährlich geschlossen haben. Dahlmann weist darauf hin, dass es mittlerweile sogar vier bis fünf Prozent im Jahr seien, die ihren Hof aufgeben würden.

Neben den bundesweiten Demonstrationen mit Traktoren gibt es eine weitere Aktion der Landwirte: das Aufstellen von Grünen Kreuzen. Sie sind eine Art stiller Protest gegen neue Regulierungen, Angst um die eigene Existenz und für mehr Respekt für ihre Arbeit. Dahlmann spricht von einer guten Aktion, beklagt aber, dass viele nicht wüssten, was dahinter stecke. Zum Teil fehlt es an der Informationspolitik. „Viele fragten sich, warum die Kreuze da überhaupt stehen, oder ob jemand gestorben sei“, berichtet Dahlmann. Ein Ziel der Landwirte sei es, die Demonstrationsschichten friedlich hinter sich zu bringen.

Als stadtnaher Hof versuchen Landwirte wie die Brelohs in Hilden den Vorurteilen der Verbraucher entgegenzusteuern. So könne sich jeder Kunde am Gut Holterhof die Tiere anschauen und zuschauen, wie die Kühe gemolken werden. Auch Besichtigungen von Schulklassen gebe es.

Vor etwa zehn Jahren habe die Familie zuletzt in den Stall investiert, um mitzuhalten. 60 Milchkühe gebe es auf dem Hof. Damit seien aber auch die Kapazitäten ausgeschöpft. Weiter wachsen könne der Familienbetrieb nicht. Wichtig ist es laut Breloh auch, mit der Zeit zu gehen. Kreisbauernvorsitzender Dahlmann betont aber, dass das nicht unbedingt heiße, alle Bauern müssten nur noch auf Bio umsteigen. Die meisten der Hildener Landwirte beispielsweise bauen Getreide an. „Viele Betriebe so wie wir haben sich in den vergangenen Jahren  angepasst. Immer mehr bieten so zusätzlich Pferde-Boxen an“, erläutert Sven Breloh. Hilden kommt also zugute, im grünen Gürtel rund um die Großstadt Düsseldorf zu sein. In ländlicheren Gegenden wie beispielsweise in der Eifel, sind solche Stellplätze für Pferde nicht gefragt.

(isf)
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