Landrat zu Clans: „Wir werden eine Parallelgesellschaft nicht dulden“

Kreis Mettmann : „Wir werden Parallelgesellschaften nicht dulden“

Der Polizeichef des Kreises im Interview: So möchte Landrat Hendele mit dem Innenministerium der Clan-Kriminalität Herr werden.

Herr Hendele, der Kreis Mettmann und auch Sie als Landrat wurden vom Innenminister beim bundesweit ersten Symposium zur „Clankriminalität“ dafür gelobt, sich bei diesem Thema besonders zu engagieren. Spricht das hohe Engagement für besonders große Probleme vor Ort?

HENDELE Die Probleme sind schon sehr ausgeprägt. Alle etwa 100 vom Landeskriminalamt in NRW verorteten Clans sind hier bei uns im Kreis irgendwie vertreten. Wir haben es hier vordergründig eher mit Ordnungswidrigkeiten und Straftaten der mittleren Kriminalität zu tun, die schwerkriminellen Geschäfte laufen in den umliegenden Großstädten ab.

Das heißt, wir sind hier Wohn- und Schlaf-Kreis für kriminelle Clans?

HENDELE Das kann man so sehen. Allerdings gibt es auch hier mit dem Immigrather Platz in Langenfeld und im Umkreis der Brechtstraße in Erkrath zwei von der Polizei als „gefährliche Orte“ eingestufte Bereiche, die wir besonders im Blick haben.

Wer in Langenfeld und Erkrath wohnt, der weiß: Probleme gibt es dort schon seit Jahren.

HENDELE Für uns als Polizeibehörde ist das auch nichts Neues. Unsere Einsatzkräfte waren immer schon – nicht nur bei Auseinandersetzungen, sondern auch bei Verkehrsunfällen oder bei Einlieferungen in Krankenhäuser – damit konfrontiert, plötzlich von Familienangehörigen umringt zu werden.

Und da haben Sie nicht mahnend den Finger in Richtung des Innenministers gehoben und darauf hingewiesen, dass es Probleme gibt?

HENDELE Selbstverständlich haben wir das gemacht, bei den vorherigen Landesregierungen hatten allerdings andere Themen höhere Priorität. Mit dem jetzigen Innenminister Reul läuft das anders, und allen ist klar: Wir haben das über Jahrzehnte hinweg „verpennt“ – und jetzt packen wir es an!

Clans akzeptieren den Rechtsstaat nicht und leben inmitten einer Paralleljustiz. Ist die Polizei zur Machtlosigkeit verdammt?

HENDELE Nein, keineswegs. Wir können und werden es nicht dulden, dass sich eine Parallelgesellschaft weiter etabliert. Allerdings haben wir es mit verfestigten Strukturen zu tun, die man nicht mal eben einreißen kann.

Kriminelle Clans machen bekanntlich schnell die Schotten dicht, wenn es um Strafverfolgung geht. Zeugen werden eingeschüchtert oder es gibt erst gar keine, weil ein „Friedensrichter“ die Dinge abseits des Rechtsstaates regeln soll.

HENDELE Wenn wir mit vielen Kräften vor Ort sind, um Streitigkeiten zu klären, können wir natürlich kein Video-Team daneben stellen, um später vor Gericht genug Beweise zu haben. In solchen Fällen geht es vorrangig darum, Recht und Ordnung wiederherzustellen und die Bürger zu schützen. Und dennoch gibt es Möglichkeiten, um Anklagen beweissicher zu machen.

Der Kriminologe Thomas Feltes von der Ruhr-Uni Bochum kritisiert Razzien als öffentlichkeitswirksame Maßnahmen und äußerte sich skeptisch dahingehend, dass Strafanzeigen zu Anklagen führen werden. Stattdessen solle man vorher ermitteln und dann Maßnahmen ergreifen.

HENDELE Das sehe ich anders. Die Botschaft von Razzien ist doch: Wir haben euch im Visier! Wir beobachten bereits jetzt Erfolge unserer Strategie der „1000 Nadelstiche“. Mit dem Inkrafttreten des neuen Polizeigesetzes im vergangenen Dezember wird es für uns leichter: Wir können bereits bei einem begründeten Verdacht durchgreifen und müssen nicht mehr abwarten, bis etwas passiert ist.

Polizeigewerkschaftler beklagen die mangelnde Personalausstattung für eine Strategie der 1000 Nadelstiche. Vor allem für Razzien-Nachbearbeitung sei die Polizei personell unzureichend ausgestattet.

HENDELE Man muss natürlich dranbleiben, die Verfahren dürfen nicht in der Schublade verschwinden. Da geht es auch um Prioritäten, die setzen wir hier im Kreis Mettmann momentan bei der Clan-Kriminalität und bei Wohnungseinbruchsdiebstählen.

Und das stemmen Sie alles mit dem vorhandenen Personal, das ohnehin schon oft an der Belastungsgrenze arbeiten muss und zuweilen Überstunden anhäuft?

HENDELE Darüber werden wir noch reden müssen. Wir werden im Gespräch mit dem Innenminister um verbesserte Zuweisungen für die Landesbehörden bitten. Dass jetzt im Schatten des Missbrauchsfalles auf einem Campingplatz in Lügde darüber nachgedacht wird, die von den Landräten geführten Kreispolizeibehörden zu schließen und die Verantwortlichkeiten für die Landkreise in den umliegenden Großstätten zu etablieren, ist ein Unding. Für uns hier würde das bedeuten: Wird die Polizeiarbeit von Düsseldorf aus koordiniert, würde der Kreis Mettmann zum Randgebiet werden. Die Folgen kann sich jeder ausmalen.