Analyse: Lage in den Altenheimen ist angespannt

Analyse : Lage in den Altenheimen ist angespannt

Wer nicht in einem Altenheim wohnt oder arbeitet oder Angehörige dort hat, kann sich in der Regel kaum vorstellen, wie es dort vor sich geht. Viele haben sogar Angst, dass sie selbst oder Angehörige stationär gepflegt werden müssen.

Zum Teil spielt das schlechte Gewissen mit, den Vater oder die Mutter nicht mehr zu Hause versorgen zu können. Zum Teil auch Berichte wie jetzt aus Meerbusch, dass hilflose Menschen unzulänglich betreut werden.

Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) hält die sieben Hildener Altenheime jedoch für "sehr gut". Die Gesamtnoten reichen lediglich von "1,0" bis "1,2". Berücksichtigt man die Noten im Bereich "Pflege und medizinische Versorgung", befinden sich die beiden städtischen Altenheime — Seniorenzentrum "Stadt Hilden" am Erikaweg (Gesamtnote: "1,0", Pflege: "1,0") sowie das Wohn- und Pflegezentrum "Stadt Hilden" an der Hummelsterstraße (Gesamtnote: "1,1", Pflege: "1,2") — auf den Plätzen 1 und 5.

Die Heimaufsicht, die diese Woche im Kreissozialausschuss Bericht erstattete, will angesichts der Vielzahl sehr guter Noten zwar nicht in Jubelrufe ausbrechen, bescheinigt den Häusern in Haan und Hilden aber ebenfalls gute Leistungen. Zum Vergleich: Die beiden jetzt geschlossenen Meerbuscher Heime hatten vom MDK die Gesamtnoten "3,0" und "4,2" bekommen, wobei beide ein "mangelhaft" im Bereich "Soziale Betreuung und Alltagsgestaltung" erhielten, das schlechtere zudem ein "mangelhaft" im Bereich "Pflege".

Dennoch gibt es Kritik auch an den Hildener Pflegeheimen, insbesondere an den sehr guten Noten der städtischen. Bewohner würden dort nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit versorgt, monieren Angehörige, Beschwerden blieben unbeantwortet, es herrsche eine hohe Fluktuation und ein schlechtes Betriebsklima. Die Flure seien zum Teil mit Fachkräften unterbesetzt.

Vorwürfe, die Holger Reinders — Geschäftsführer der Gemeinnützigen Seniorendienste "Stadt Hilden", zu denen die beiden städtischen Heime gehören — zurückweist. "Unsere Personalbesetzung ist angemessen, das gilt auch für die Zahl der Pflegefachkräfte", sagt er. Die geforderte Fachkraftquote von mindestens 50 Prozent werde regelmäßig erfüllt. "Das wurde uns auch in allen Prüfungen der vergangenen 14 Jahre, in denen ich hier bin, bescheinigt."

Dennoch sei es kein Geheimnis, dass die Personalsituation in allen Heimen unbefriedigend ist. "Die Personalausstattung, deren Richtwerte in den 1960er-Jahren festgelegt wurden, deckt nur das Notwendige ab", erklärt der Heimleiter. Angehörigenarbeit oder persönliche Zuwendung den Bewohnern gegenüber seien in den Richtwerten nicht vorgesehen. "Und wenn bei Grippewellen gleich mehrere Mitarbeiter erkranken oder Mitarbeiter ein neues Kniegelenk brauchen und ausfallen, dann wird es eng."

Denn Ersatz ist — angesichts der niedrigen Löhne und schweren körperlichen und seelischen Arbeit — nicht leicht zu finden. Mittlerweile ziehen alte Menschen meist erst kurz vor ihrem Tod in ein Heim. Das heißt, sie sind schon sehr schwer krank, mitunter kaum mehr ansprechbar und benötigen bei der Pflege vollen körperlichen Einsatz von den Angestellten. Der Aufenthalt im Heim ist zum Teil so kurz, dass die Mitarbeiter den Bewohner und seine Angehörigen kaum kennenlernen können. Das ist für Menschen, die Berufe in der Altenpflege aus Nächstenliebe ergreifen, belastend.

"In Deutschland fehlen nach offiziellen Schätzungen 30 000 Pflegefachkräfte, in Wirklichkeit sind es vermutlich viel mehr." Wenn Mitarbeitern wegen des Personalengpasses dann mal wieder das freie Wochenende gestrichen wird, sei es verständlich, wenn sie darüber nicht begeistert seien. "Trotzdem sind sie mit Herzblut dabei und leisten eine sehr engagierte Arbeit, die sicher besser bezahlt werden müsste", versichert der Heimleiter.

Mit der Bezahlung nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes liegen die beiden städtischen Pflegeheime schon über dem Lohnniveau der meisten privaten Heime, die häufig nur eigene Haustarife zahlen. Höhere Löhne erstatten die Pflegekassen nicht. Wenn sie selbst ein Scheffelchen drauflegten, müssten die Heime das Mehr selbst gegenfinanzieren.

Um der Personalknappheit zu begegnen, bilde man schon vermehrt aus, sagt Holger Reinders. "Die Auszubildenden werden in verschiedenen Abteilungen eingesetzt. Wenn sie dann wieder weg sind, kann das auch den Eindruck von Fluktuation hinterlassen."

Beschwerden von Bewohnern oder Angehörigen würden sorgfältig bearbeitet, versichert Prokuristin Barbara Clouet. Allerdings sei Voraussetzung, dass die Beschwerde schriftlich erfolgt und an eine vorgesetzte Person herangetragen wird. "Wenn man pflegerische Hinweise einer Hauswirtschaftskraft zwischen Tür und Angel sagt, muss man sich nicht wundern, wenn die es möglicherweise vergisst und der Hinweis dann ins Leere läuft." Die Heimaufsicht selbst prüft nach eigenen Angaben nur, ob ein Beschwerdemanagement vorliegt.

Verständnis für die schwierigen Rahmenbedingungen wünschen sich die Heime von den Bewohnern und vor allem den Angehörigen. Und Verständnis ist angesichts des anstrengenden Arbeitstags der Pfleger in der Tat wichtig, wenn es sich um Dinge handelt, die ein Angehöriger mit wenig Aufwand selbst lösen kann. Nicht hingegen, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht. In letzterem Fall sollte sofort die Heimaufsicht informiert werden.

In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass Menschen in städtischen Heimen gut aufgehoben sind, weil hier der Stadtrat direkten Einfluss ausüben kann und die Kontrolle stärker ist als in privaten Heimen. Vielen Städten ist es deshalb wichtig, künftig eigene Häuser beizubehalten. Hilden ist mit gleich zwei Einrichtungen gut aufgestellt. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Heime zu verbessern, ist dagegen Aufgabe der Politik.

(RP)
Mehr von RP ONLINE