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Hilden: Kirche als Klangraum und Rückzugsort

Hilden : Kirche als Klangraum und Rückzugsort

Das stimmungsvolle Chorkonzert der Kantorei Hilden passte für die Zuhörer in die Atmosphäre des vierten Advents. Die Tenöre brauchen Verstärkung.

Während das Karussell auf dem Weihnachtsmarkt die letzten Runden dreht, füllt sich die benachbarte Reformationskirche zusehends. Selbst die Empore wird genutzt von Passanten, die der Hektik dieses vierten Adventssamstages entfliehen wollen. Ein kontemplativ adventliches, aber auch (vor-)weihnachtlich fröhliches Konzert hatte Kantorin Dorothea Haverkamp zusammengestellt —mit vielen Marienliedern noch die Zeit der Erwartung beschreibend.

Überwiegend a cappella dargebotene Advents- und Weihnachtslieder aus sieben Jahrhunderten standen auf dem 70-minütigen Programm der Kantorei Hilden, die mit dem altkirchlichen Hymnus "Nun komm, der Heiden Heiland" singend in die Kirche einzog. "Das ist ja cool", kommentierte eine der jüngeren Besucherinnen den beeindruckenden Raumklang, der sich in der romanischen Kirche entfaltete. Ein kleiner theologischer Exkurs der ebenso kompetent wie kurzweilig moderierenden Kantorin führte in den "Marien-Block" ein, obwohl Luther ja eigentlich alle Lieder über die Gottesmutter aus der (evangelischen) Kirche hatte verbannen wollen.

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In Johann Eccards "Über Gebirg Maria geht" entfaltete sich bereits der runde Gesamtklang der fast 60 Sängerinnen und Sänger, die unter dem unaufgeregten Dirigat Haverkamps längst eine beachtliche künstlerische Qualität erlangt haben. Auch in den beiden Marienliedern von Johannes Brahms wussten vor allem die Sopranistinnen zu strahlen und die sonoren Bässe zu überzeugen, während sich die Altistinnen und die durch einige "Tenösen" bereicherten Tenöre sicher über stimmliche Verstärkung freuen würden.

Ein Lob erhielten aber auch die rund 120 Konzertbesucher, die von der Kantorin bei sechs Liedern zum Mitsingen animiert wurden: "Das hab' ich selten geschafft, in der Reformationskirche einen fünfstimmigen Kanon singen zu lassen", freute sich Haverkamp über das gelungene "Magnificat"-Experiment.

Eine moderne Variante des bekannten "Dornwalds" gab es mit dem mystisch anmutenden Satz von Heinrich Kaminski (gest. 1946) — ein Komponist, der den Nationalsozialisten durch Herkunft und Gesinnung stets suspekt blieb. Der jüngste Komponist des Programms, der Ex-"King's Singer" Bob Chilcott, hatte einen Text aus dem 15. Jahrhundert vertont: "Nova — Ave fit ex Eva" — alles wird neu, wenn aus Eva, der "Sündenbringerin", im Umkehrschluss die "Heilsbringerin" Maria wird. Für den fast südamerikanisch rhythmisierten Wechselgesang, der pointiert interpretiert wurde, gab es den ersten Szenenapplaus, bevor sich Organist Friedhelm Haverkamp mit den teils recht chromatischen "Noel"-Variationen von Théodore Dubois auch einmal solistisch zu Gehör bringen durfte.

Die munteren Melismen des Bach-Vorgängers Sethus Calvisius ("Freut euch und jubiliert") erinnerten hingegen schon sehr an den berühmten Thomaskantor. Auch nicht von Bach, dafür nach einer alten Melodie von Johann Eccard, entfaltete der schlichte Satz "Ich steh' an deiner Krippen hier" dank der einfühlsamen Dynamik und klaren Diktion des Chores seine Wirkung. Textlich weniger ins Programm passte die in "Jingle Bells" beschriebene Schlittenfahrt. Dafür setzte Haverkamp mit dem jazzigen Chorsatz von Tim Durian einen besonderen Klangfarbentupfer. Der Applaus nach dem letzten "Herbei, o ihr Gläubigen" war denn auch so langanhaltend, dass es die Zugabe noch einmal zum Mitsingen auf Englisch gab.

Und mit diesem Lied auf den Lippen zog so mancher summend aus der Reformationskirche, um womöglich doch noch einmal am Glühweinstand vorbeizuschauen.

(RP)