Kanold war in aller Munde

In Hilden wurde einst eine der bekanntesten Süßwaren-Marken produziert. : Kanold war in aller Munde

Schon bei der Namensnennung lief Kindern und Erwachsenen das Wasser im Mund zusammen. Die beliebten Bonbons wurden auch in Hilden produziert.

Anton und Fred Kanold waren Vettern. In Schweden betrieben sie eine Schokoladen- und Bonbonfabrik. Im Juni 1914 gründeten sie zusammen mit Joachim Wohlgemuth die Firma Bröderna Kanold in Berlin. Nach 1945 hatte Kanold erst in Essen, dann in Duisburg seinen Sitz. Das Gelände war nur gemietet. Die Eigentümer wollten nicht verkaufen. Da bot Heinz Mudersbach, Eigentümer der Zuckerwarenfabrik „Hildanus“, offenbar Mitte der 1960er Jahre seinen Betrieb an der Verbindungsstraße zum Kauf an. Ihm ging es gesundheitlich nicht gut und er hatte keinen Nachfolger, erinnert sich Bernhard Wohlgemuth, Sohn des Gründers und Firmenchef. Das Mudersbach-Angebot war für ihn eine „ideale Lösung“. Er konnte die räumlichen Engpässe in Duisburg überwinden und mit den vorhandenen Hartkaramell-Anlagen in Hilden die Bonbonproduktion sofort steigern. Dazu kam ein Liefervertrag mit der Firma Bayer zur Fertigung der Hustenbonbons „Coryfin“ und „Panvitan“.

So kam man ins Geschäft. Aus steuerlichen und markttechnischen Überlegungen wurde das Hildener Unternehmen nicht von der Kanold GmbH in Duisburg erworben, sondern als „Süßwarenfabrik Hildanus“ in der Gesellschaftsform einer GmbH & Co. KG in Hilden weitergeführt.Dabei war die Kanold GmbH die persönlich haftende Gesellschafterin und Bernhard Wohlgemuth und seine Schwestern Grete Magnus und Meike Homfeld die Kommanditisten. Durch diese Regelung kam Kanold an die Zweitmarke „Hildanus“ mit eigener Verkaufsorganisation und einem Kundenstamm. „Seit 1945, 20 Jahre lang, hatte ich immer vergebens versucht, das Anwesen in Duisburg (...) zu erwerben“, schreibt Bernhard Wohlgemuth in der Chronik seines Unternehmens: „Mit dem Erwerb des Hildener Unternehmens hatten wir endlich wieder eigenen Immobilien-Besitz, waren wir endlich wieder Herr auf eigenem Grund und Boden.“

Bonbon-Sortiment. Zu den Hauptkunden gehörten Bahlsen, Gubor und Bayer (Hustenbonbons). Foto: Bernhard Wohlgemuth

In der Hildener Fabrik war vieles „vernachlässigt, veraltet und reparaturbedüftig“, stellte der neue Eigentümer fest. Er schaffte es, von Bayer einen unbefristeten Liefervertrag zu erhalten. Gemeinsam wurden neue Produkte entwickelt und für die Herstellung der Bayer-Produkte eine große Verpackungsstraße in Hilden installiert. Dazu konnte Bernhard Wohlgemuth zwei weitere pharmazeutische Betriebe als Kunden gewinnen. Im Vergleich zu normalen Süßwaren erbrachten die pharmazeutischen Produkte eine „außergewöhnlich hohe Gewinnspanne“. Mit der Firma ging es aufwärts. Auch die neuen Gummi-Bonbons von Kanold wurden ein großer Erfolg. Dragee-Ostereier aus der „Ostzone“ (DDR) machten der Süßwarenfabrik allerdings das Leben schwer. Die Bundesregierung ließ sie aus politischen Gründen ins Land, beklagt sich Wohlgemuth. Er beschwerte sich für den Bundesverband der Süßwarenindustrie beim damaligen Landwirtschaftsminister Höcherl –  ohne Erfolg. Deshalb wurde die Dragee-Produktion in Hilden eingestellt und die Anlagen demontiert.

Das Stammwerk in Berlin, gegründet 1914 von den Vettern Anton und Fred Kanold sowie von Joachim Wohlgemuth. Foto: Firma Kanold

Dafür kam er mit der Maschinenfabrik Hansella in Viersen ins Geschäft. Sie konnte neue technische Anlagen im Werk Hilden im Dauerbetrieb testen. Dafür konnte Bernhard Wohlgemuth bei Hansella zu „niedrigsten Sonderpreisen“ einkaufen. Ergebnis dieser Zusammenarbeit mit beiderlei Nutzen: eine 35 Meter lange automatische Straße für ungefüllte und gefüllte Hartkaramellen in Hilden mit einer Tagesleistung von acht bis zehn Tonnen. Für die gleiche Leistung mussten vorher zwölf Leute Schwerarbeit leisten, berichtet der Süßwarenfabrikant: Jetzt waren nur noch drei Mann für die Überwachung nötig.“

Firmenchef Bernhard Wohlgemuth, Sohn des Gründers Joachim Wohlgemuth. Foto: Bernhard Wohlgemuth

Bald zählte der Maschinenpark von „Hildanus“ in Hilden zu den modernsten der ganzen Branche. Auch der Computer hielt Einzug. Die Firma schaffte einen „Kienzle Magnetkonten-Computer an. Das war auch notwendig. Denn neben Bayer hatte das Familien-Unternehmen mit zwei Standorten auch noch den Bahlsen-Konzern und die Schokoladenfabrik Gubor als Großkunden gewinnen können. Bereits 1980 macht der Umsatz mit dem Bahlsen-Gubor-Konzern 40 Prozent des Gesamtumsatzes (21 Millionen D-Mark) aus.

Wilma Mudersbach starb 1996. Zuvor gründete sie eine Stiftung und stattete sie mit 1,11 Millionen Euro Stiftungskapital aus. Foto: Christoph Schmidt

Der Plan, das Duisburger Mietgrundstück aufzugeben und Fabrikation und Sitz nach Hilden zu verlegen, erwies sich als kaum bezahlbar. 1971 konnte Wohlgemuth das Duisburger Grundstück an der Johanniterstraße auf Rentenbasis kaufen. Für eine Erweiterung wollte die Stadt Duisburg aber keine Genehmigung erteilen. Dort sollten Wohnungen entstehen. Die Firma Kanold sollte die Kosten für eine Verlagerung erstattet bekommen. Sie verkaufte an die Stadt Duisburg und machte sich daran, komplett nach Hilden zu ziehen.

Links: Wilma Mudersbach starb 1996. Zuvor gründete sie eine Stiftung und stattete sie mit 1,11 Millionen Euro Stiftungskapital aus. Rechts: Heinz Mudersbach verkaufte die Zuckerwarenfabrik Hildanus an der Verbindungsstraße Mitte der 1960er Jahre an die Firma Kanold. Foto: Stadtarchiv Hilden

Anfang der 1980er Jahre plante Bernhard Wohlgemuth, der in Ratingen-Hösel lebte, einen großen Erweiterungsbau in Hilden. Da trafen ihn gleich drei Hiobsbotschaften. Die Gubor-Bonbonpalette büßte zwischen 1980 und 1984 drei Millionen Mark ein. Das waren 40 Prozent weniger Umsatz. „Eine Katastrophe für uns“, schreibt der Inhaber.

Zuckerwarenfabrik Hildanus an der Verbindungsstraße. Foto: Stadtarchiv Hilden

Dann stellte Bayer den Vertrieb seiner Hustenbonbons „Coryfin“ und „Panvitan“ ein. Wieder verlor Kanhold eine wichtige Einnahmequelle. Am Schlimmsten war aber die Nachricht, die Bernhard Wohlgemuth am 23. Mai 1984 erreichte. Seine Tochter Ino und ihr Verlobter Robert Farwick kamen bei einem Hotelbrand in Chicago ums Leben. Sie sollten einmal das Familienunternehmen weiterführen, weil der Sohn andere Pläne hatte. Deshalb beschloss der 72-Jährige, zu verkaufen: „Es war für mich die trostloseste und schwerste Aufgabe meines Lebens. Und ihre Lösung ist auch der furchtbarste Schicksalsschlag in meiner beruflichen Tätigkeit geworden.“

Altes Reklameschild. Foto: emailleschilder.com

Bernhard Wohlgemuth verkaufte schließlich 1984 die Kanold GmbH notgedrungen an die Firma „All Sweets“ in Pinneberg, Deutschlands zweitgrößten Kaugummi-Hersteller. Der suchte ein zweites Standbein, weil der Kaugummi-Absatz stark rückläufig war. Die Hildanus GmbH & Co blieb Eigentümerin des Grundstücks und Werks und vermietete es an „All Sweets“.

Am 10. November 1986 meldete die All Sweets GmbH Vergleich an. Im Dezember ging auch die Kanold GmbH in Konkurs. Für Bernhard Wohlgemuth eine „fruchtbare Nachricht“ – ebenso für die rund 110 Mitarbeiter. Die deutsche Niederlassung des niederländischen Van-Melle-Konzerns kaufte das Kanold-Unternehmen aus der Konkursmasse. Im Juni 1987 wurde die Firma Kanold in Hilden geschlossen. Eine rentable Produktion sei hier nicht mehr möglich, hieß es.

1988 starb Heinz Mudersbach, 1996 seine Frau Wilma. Zuvor hatte sie noch eine Stiftung gegründet (im Juni 1996) und mit 1,11 Millionen Euro Stiftungskapital ausgestattet. In den vergangenen 22 Jahren hat sie mit 755.000 Euro Älteren in Hilden dort geholfen, wo öffentliche Sozialeinrichtungen nicht einspringen konnten, sagt Stiftungsvorstand Altbürgermeister Horst Thiele.

Christoph Schmidt

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