Hilden: Historiker schildert Hildener Pogrome

Hilden: Historiker schildert Hildener Pogrome

Der Hildener Historiker Dr. Stephan Lipski ist auch Zeitzeuge. Er wurde in Lodz geboren. Dort starben Hildener Juden.

Etwa 30 Mitglieder der Hildener Senioren-Union hängen gebannt an seinen Lippen. Der Hildener Historiker Dr. Stephan Lipski beschwört ein finsteres Stück Hildener Geschichte herauf, an das sich einige der Versammelten noch aus eigenem Erleben erinnern können. "Von Hilden ins Ghetto — zwei jüdische Schicksale" überschreibt er seinen Vortrag im Nachbarschaftszentrum St. Jacobus. Das erste Schicksal ist das von Helene Wahle und ihrem Mann Richard. Sie waren als österreichische Staatsbürger in Prag geboren und 1908 nach Hilden gezogen. Dort betrieben sie jahrelang eine Maschinenfabrik und wurden 1919 deutsche Staatsbürger. 1920 erhielt Wahle das "Verdienstkreuz deutsche Kriegshilfe" für Verdienste im ersten Weltkrieg. 1936 wurde dem Ehepaar die Staatsbürgerschaft wieder aberkannt, 1938 mussten sie ihr Unternehmen zwangsweise verkaufen.

Lipski erinnert in seinem Vortag an die Reichspogromnacht. Am 9. November 1938 brannten überall in Deutschland Synagogen. "Bundesweit wurden 97 Juden ermordet — sieben davon im kleinen Hilden." Hautnah miterlebt hat diese Nacht das jüdische Industriellenehepaar Wahle. An den Tod der Frau erinnert heute ein Stolperstein an der Benrather Straße 19. Der Historiker veranschaulicht: "Nur ein Haus weiter, im Haus Nummer 20, damals das ,Deutsche Haus', gedachten die Hildener Nazis des ,Hitler-Putsches'. Der Alkohol war bereits in Strömen geflossen, als sie vom angeblichen Mord am deutschen Botschaftsrat in Paris durch den Juden Herschel Grünspan hörten."

Verstärkung aus Düsseldorf traf bei den Hildener Nazis ein. Die Losung lautete plötzlich, so hat es der Historiker recherchiert: "Die Juden sollen umgelegt werden." Helene Wahle musste an diesen Abend miterleben, wie Mutter und Sohn Willner, die Nachbarn von gegenüber, ermordet wurden. Die Wahles waren schockiert. Richard Wahle starb wenige Monate später, seine Witwe durfte noch drei Jahre in Hilden leben. 1941 wurde die fast 70-Jährige mit 1002 Leidensgenossen vom Derendorfer Bahnhof in Düsseldorf per Zug nach Lodz deportiert. Der Historiker präzisiert: "Unter den 1003 Deportierten waren 1000 Düsseldorfer und drei Hildener."

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In Lodz, später von den Nationalsozialisten in Litzmannstadt umbenannt, wurde den Juden vorgegaukelt, man habe sie nur umgesiedelt. Sie lebten nicht in einem KZ, sondern in einem Judenviertel, das später zum Ghetto umfunktioniert worden ist. Dort ist Helene Wahle am 23. Juni 1942 gestorben.

Stephan Lipski, Jahrgang 1936, war damals noch ein Kind. Von seinem Vater Otto Lipski, der damals Pfarrer in Lodz war, wurde ihm ein weiteres jüdisches Schicksal überliefert. "Eines Tages kam ein ehemaliger Mitschüler zu uns — Daniel Grünspan. Mein Vater und er waren 13 Jahre lang zusammen zur Schule gegangen." Der Jude Grünspan bat seinen alten Freund, ihm bei der Flucht über den deutsch-russischen Grenzfluss "Bug" zu helfen. Er wolle in seine Heimat, nach Palästina flüchten. Stephan Lipskis Vater fuhr den Freund im Familienauto zur Grenze. Ob die Flucht geglückt ist, ist fraglich. In Palästina ist Grünspan nie angekommen und auch dessen Schwester habe nie wieder etwas von ihm gehört.

(RP/rl)