Hildens letzte Videothek schließt am Samstag

Samstag letzter Tag : Hildens letzte Videothek schließt für immer

„Silvia’s Videoladen“ hat sich lange gehalten. Doch jetzt gibt Inhaber Wolfgang Estas auf. Die Konkurrenz im Netz ist zu groß.

Von Erwachsenenfilmen allein kann Wolfgang Estas nicht leben. „Leider. Sie liefen richtig gut. Ich habe sie nicht nur verliehen, ich habe jeden Monat auch mehr als 100 verkauft“, erklärt der Inhaber von „Silvia’s Videoladen“. Sie haben zwar nur einen kleinen Teil seines Angebotes ausgemacht, aber dieser Teil war profitabel. Die Kunden hätten die Anonymität geschätzt. „Bei mir konnte man bar bezahlen, ohne den Namen angeben zu müssen.“ Wer im Internet solche Videos kaufe, begeben sich aus dieser Anonymität heraus, spätestens wenn er bezahlen muss.

Die Schmuddelecke in Hildens letzter Videothek an der Gerresheimer Straße ist so gut wie leer gekauft. Auch die Regale mit Kinderfilmen, Actionstreifen, Dramas und Thriller sind nicht mehr lückenlos mit DVDs und Blue-rays befüllt. An diesem Samstag öffnet „Silvia’s Videoladen“ zum letzten Mal. Wolfgang Estas gibt auf. Und das schmerzt ihn sehr. Aber er lässt es sich nicht ansehen. Seine Kunden bedient er so, als wäre es 1996 und eine Videothek der Garant für ein ordentliches Auskommen und ein dickes Auto in der Garage: Wolfgang Estas hat hinter seinem Bart immer ein Lächeln parat, immer einen Spruch auf den Lippen und immer auch eine Empfehlung für unsichere Kunden. „Ich habe jeden Film gesehen“, sagt er. 7000 nannte er sein Eigen – 2000 hat er in den vergangenen Wochen bereits verkauft. Am Samstag sollen es noch mehr werden.

„Ich habe gegen die Faulheit der Menschen verloren“, sagt Wolfgang Estas. Netflix, Amazon, Apple – die Konkurrenz im Netz hat in den vergangenen Jahren immer mehr Videotheken vor Ort in den Ruin getrieben. „Ich wollte eigentlich schon im vergangenen Jahr aufgeben – aber dann hat eine große Videothek in Langenfeld geschlossen, und ich habe gehofft, dass die Kunden bei mir auflaufen“, sagt Wolfgang Estas. Aber es kamen höchstens 30, von denen kaum einer zum Stammkunden wurde. Jetzt ist Wolfgang Estas an einem Punkt, an dem die Hoffnung auf ein Überleben der Gewissheit gewichen ist, dass die Übermacht im World Wide Web zu groß ist. Die Kosten fressen ihn auf. „Ich habe das Ganze seit langem nur noch ehrenamtlich gemacht“, sagt er. Gewinn wirft „Silvia’s Videoladen“ schon lange nicht mehr ab.

Das war früher anders. Vor rund 40 Jahren öffnete eine Frau mit dem Vornamen Silvia den Laden an der Gerresheimer Straße. Ein paar Jahre später übernahm Uta Füssinger das Geschäft, nannte es „Mata Hari“, genau wie die Schwesterfiliale in Haan. Doch in Hilden blieben die Kunden aus, sodass Uta Füssinger ganz schnell wieder auf den alten Namen umschwenkte. Und schon kamen die Kunden wieder zu ihr. 2012 übernahm Wolgang Estas das Geschäft. Er war zuvor schon mehrere Jahre Angestellter von Uta Füssinger. „Damals hat der WDR einen Bericht über mich gedreht“, erklärt er. „Weil es so ungewöhnlich war, dass eine Videothek in diesen Zeiten noch übernommen wird.“ Fünf Angestellte hat er zu diesem Zeitpunkt, heute arbeitet noch eine bei ihm. Sie ist aber mit ihrem Studium fertig und steigt im kommenden Jahr in ihren Beruf ein.

Wolfgang Estas ist 51 Jahre alt und gelernter Ingenieur. Aber seine Leidenschaft gilt schon seit seinen Kindertagen dem Film. „Meine Mutter hat Disney-Filme geliebt“, sagt er. Im Kino haben sie sich zusammen Bambi & Co. angeschaut. Mit elf Jahren durfte er in Begleitung Star Wars IV im Kino sehen. „Die Menschen saßen auf den Gängen und waren emotional ergriffen“, erinnert er sich. So etwas habe er danach nicht mehr erlebt.

Die Film-Leidenschaft macht Wolfgang Estas zu seinem Beruf. Seine technische Neigung spiegelt sich in seinen Lieblingsgenres wider: Science-Fiction – „ich mag aber auch, wenn’s kracht“, sagt er. Seinen Film-Durst stillt Wolfgang Estas in Zukunft nicht mehr in „Silvia’s Videoladen“, sondern in einem Düsseldorfer Kino. „Ich habe mich eine Unlimited-Karte besorgt“, erklärt der 51-Jährige. Damit kann er, so oft er mag, ins Kino gehen.

Jetzt aber muss er erst einmal „Silvia’s Videoladen“ abwickeln. „Es liegt viel Arbeit vor mir“, erklärt er. An diesem Samstag öffnet er zum letzten Mal die einzige Videothek in Hilden. Von 10 bis 22 Uhr können Kunden noch DVDs und Blu-rays kaufen. Auf viele Hüllen haben er und seine Mitarbeiterin kurze selbst geschriebene Rezensionen aufgeklebt, aber schon vor vielen Monaten und Jahren. Als Service für die Ausleih-Kunden. Wolfgang Estas hofft, dass er möglichst viele Filme noch los wird. Für den Rest hat er aber auch schon einen Abnehmer gefunden.

Videotheken sterben überall aus. Während früher gleich mehrere Anbieter in Hilden saßen, und jeder Düsseldorfer Stadtteil mindestens zwei Videotheken vorweisen konnte, gibt es laut Wolfgang Estas momentan nur noch eine in Solingen, zwei in Opladen und eine in Mönchengladbach. In Düsseldorf schloss 2018 die letzte Videothek.

Für Samstag haben sich einige Stammkunden, von denen „Silvia’s Videoladen“ eine ganze Menge hat, angekündigt. Sie wollen sich persönlich von Wolfgang Estas verabschieden. Wenn er dann um 22 Uhr schließt, wird er nur kurz durchatmen können. „Ich muss die Reagle rausschmeißen und aufräumen“, erklärt er. Dafür plant er den ganzen Dezember ein. „Und danach mache ich erst einmal Ferien.“ Vor zwei Jahren hat er sich zehn Tage Auszeit gegönnt. Urlaub als Selbstständiger? „Das passt nicht zusammen.“

Und danach? Während sich die Tür von „Silvia’s Videoladen“ für immer schließt, öffnet sich für Wolfgang Enders in Mettmann eine neue: „Ich werde dort bei der Awo anfangen zu arbeiten“, sagt er. Eine Kundin hat ihm diese Möglichkeit verschafft. Darauf freut er sich, sagt er. Er wird mit Kindern zusammenarbeiten, was er früher als Co-Trainer für Kampfsport schon gemacht hat. Der neue Job wird weniger krachen und mehr Raum für Urlaub lassen – mit seiner positiven Einstellung und dem Lächeln hinter dem Bart wird Wolfgang Estas gewiss ein Gewinn für die Awo in Mettmann sein.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Letzte Videothek der Region schließt für immer