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Hildenerin spricht Angelina Jolie und Tagesschau-Eröffnung

Hilden : Hildenerin ist die Tagesschau-Stimme

„Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau“ – die gebürtige Hildenerin Claudia Urbschat-Mingues ist jeden Abend um 20 Uhr im Fernsehen zu hören. Sie leiht aber auch Angelina Jolie und vielen anderen Hollywood-Stars ihre Stimme.

Wetten, dass Sie Claudia Urbschat-Mingues kennen? Auch wenn Ihnen der Name nichts sagt, ihre Stimme werden Sie schon einmal gehört haben. Die 49-Jährige ist in Hilden geboren und aufgewachsen, lebt jetzt allerdings mit Tochter und Freund in München. Und sie synchronisiert Hollywood-Stars wie Angelina Jolie, Maria Bello und Jennifer Connelly. Außerdem erklingt jeden Tag um Punkt 20 Uhr ihre Stimme zu Beginn der Tagesschau. „Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau“ – diesen Satz spricht sie. Mit uns hat sie über ihren spannenden Job, berufliche Herausforderungen und ihre Jugend in Hilden geredet.

Wie sind Sie Synchronsprecherin geworden?

Urbschat-Mingues Ich habe eine klassische Schauspielausbildung und sogar ein Diplom. Ich bin 1997 ans Theater gegangen und habe mich nebenbei immer mehr aufs Synchronisieren spezialisiert. Im Jahr 2000 habe ich mich dann nur noch auf das Synchronisieren konzentriert. Wenn ich vor dem Mikro stehe, agiere ich frei. Ich spiele die Rolle – unser Berufsstand heißt daher auch Synchronschauspieler, nicht Synchronsprecher. In Deutschland gibt es, schätze ich, etwa 2000 Synchronschauspieler, die hauptsächlich in Berlin und München sitzen, aber auch in Hamburg und Köln. Die allermeisten kennen sich untereinander.

Weil sie wahrscheinlich oft gemeinsam im Studio vor dem Mikrofon stehen.

Urbschat-Mingues Nein, das passiert eigentlich überhaupt nicht mehr. Wir stehen in der Regel allein vor dem Mikrofon, selbst bei Dialogen. Denn es kann durchaus vorkommen, dass die Stimmen während der Produktion ausgetauscht werden.

Sie leihen dem Hollywood-Star Angelina Jolie ihre Stimme, eine andere Stimme wirkt deplatziert. Sie könnten doch nicht ausgetauscht werden.

Urbschat-Mingues Doch, klar. Vielleicht hat der Film andere Anforderungen, vielleicht kommen wir beim Honorar nicht auf einen Nenner. Jeder kann ausgetauscht werden. Bild geht vor Ton der Zuschauer gewöhnt sich an die neue Stimme.

Was ist die Herausforderung beim Synchronsprechen?

Urbschat-Mingues Wir sind die, die den Figuren die Seele einhauchen und sie zum Leben erwecken. Wir müssen auch eine gewisse Mentalität in die Filme bringen. Nicht jedes amerikanische oder japanische Werk ist für Deutsche ohne Anpassung geeignet. Japanische Dialoge klingen für uns beispielsweise so, als ob sich die Protagonisten streiten – dabei unterhalten sie sich ganz normal. Amerikanische Serienhelden sind oft einfach viel zu laut und zu überdreht. Das müssen wir abmildern.

Wie lange brauchen Sie für die Synchronisation Ihrer Rolle innerhalb eines Kinofilms?

Urbschat-Mingues Hauptrollen synchronisiere ich in der Regel innerhalb von zwei Tagen. Bei kleineren Produktionen dauert die Synchronisation meiner Rolle manchmal auch nur eine Stunde, jedenfalls nicht mehr als einen Tag. Ich bereite mich nicht auf die Projekte vor. Wir erhalten keine Dialogbücher. Es passiert ganz selten, dass ich bei großen Kinoproduktionen im Vorfeld Teile des Films sehen darf. Dann muss ich mein Handy abgeben und darf einzelne Akte in einem abgeschlossenen Raum sehen. Das ist ein riesiger Sicherheitsaufwand, der sich meistens nicht lohnt. In der Regel reicht es, wenn der Dialogregisseur den Film kennt und mir vermittelt, wie der Text gemeint ist.

Welche Projekte haben Ihnen besonders viel Spaß gemacht?

Urbschat-Mingues Da gibt es vieles. Total witzig war aber vor allem die Arbeit am Animationsfilm Madagascar. Ich spreche das Nilpferd Gloria. Ich habe mit Rick Kavanian, Bastian Pastewka und den Fantastischen Vier zusammengearbeitet. Weil sie keine ausgebildeten Synchronsprecher sind, wurde mehr Zeit in die Produktion investiert. Wir standen auch gemeinsam vor dem Mikro. Und wir haben sogar ein Lied zusammen gesungen.

Wo sind Sie momentan zu hören?

Urbschat-Mingues Ich mache nicht nur Filme und Serien, sondern auch viele Auftragsarbeiten. Werbung, Computerspiele, Imagefilme, Hörspiele. Da ich aber kaum ins Kino gehe und wir daheim auch keinen Fernseher mehr haben, weiß ich gar nicht so genau, was momentan alles läuft. Godzilla 2 lief gerade im Kino, dort spreche ich die Schauspielerin Vera Farmiga. Sie spielt zudem in mehreren anderen Filmen, die in diesem Jahr in die Kinos kommen. Für Ende des Jahres habe ich schon ein paar feste Projekt in Aussicht, beispielsweise den neuen Angelina-Jolie-Film. In der Regel weiß ich ein paar Tage vorher, welche Projekte anstehen, bei Kinofilmen auch mal einen Monat vorher. Zu hören bin ich außerdem jeden Abend um 20 Uhr, wenn ich die Tagesschau mit dem Satz „Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau“ eröffne.

Wenn Sie für einen ganzen Kinofilm zwei Tage benötigen, hatten Sie diesen Satz wahrscheinlich ratzfatz eingesprochen.

Urbschat-Mingues Der Satz war kein Problem, sondern die Intonation. Was soll transportiert werden? Wir haben viele unterschiedliche Varianten ausprobiert. Ich spreche ja nicht nur den Opener für die Tagesschau, sondern auch für die anderen Nachrichtenformate im ARD-Fernsehen und im Netz. Das hat schon ein wenig gedauert. Auch die Vorbereitungen waren aufwändiger, als bei anderen Produktionen. Ich bin damals nach Hamburg geflogen, habe das damals noch geheime Tagesschau-Studio sehen dürfen und den Chefredakteur kennengelernt. Es war wichtig, dass ich weiß, worum es geht.

Ihre Stimme dürften also 90 Prozent aller Deutschen schon einmal gehört haben – werden Sie eigentlich auch erkannt, wenn Sie reden?

Urbschat-Mingues Das passiert tatsächlich. In der Apotheke beispielsweise, vor kurzem sogar noch beim Sport. Man hat mich auch schon mal gebeten, die Mailboxansage zu sprechen. Damit habe ich keine Probleme.

Sie leben heute in München, sind aber in Hilden aufgewachsen – was verbindet Sie mit der Heimat?

Urbschat-Mingues Meine Eltern wohnen noch in Hilden. Ich habe vor 30 Jahren am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium mein Abitur gemacht. Es gab dort einen Lehrer, der einen Theaterkurs geleitet hat. Er hat mir damals geraten, noch mal über meinen Berufswunsch nachzudenken: Die Schauspielerei wäre nichts für mich... Mein Abi-Jahrgang trifft sich dieses Jahr übrigens wieder, da werde ich auch wieder vorbeischauen. Viel Kontakt habe ich sonst aber nicht nach Hilden. Wobei ich dort vor kurzem bei dem wunderbaren Hörspiel-Label Titania Medien ein Hörspiel eingesprochen habe.

Welche Erinnerungen haben Sie an Hilden.

Urbschat-Mingues Als ich jung war, kam mir die Stadt ein wenig trostlos vor. Es war für uns junge Leute nicht viel los, es gab eigentlich nur das jwd. Ich habe Hilden deshalb als einengend empfunden und war auch damals schon viel im Umland unterwegs. Aber die Stadt ist viel offener geworden. Es gibt heute viel mehr Möglichkeiten als damals – zumindest für mein Alter (lacht).