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Hildenerin möchte an Leo Meyer erinnern

Hilden : Hildenerin möchte an Leo Meyer erinnern

Im Ersten Weltkrieg half der jüdische Kaufmann französischen Flüchtlingen in Belgien. Von den Nazis wurde der „gute Deutsche“ verfolgt. NS-Ortsgruppenleiter Heinrich Thiele eignete sich die Immobilien der Familie in Hilden an. Leo Meyer klagte dagegen – und fand keine Gerechtigkeit. Krank und zermürbt starb er 1953 mit 58 Jahren. Therese Neuhaus möchte, dass Leo Meyer in Hilden endlich eine Würdigung erfährt. Deshalb hat sie einen Bürgerantrag gestellt.

Leo Meyer (1891 geboren) stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie (Vieh- und Futtermittelhandel) in Hilden. Vier Jahre lang kämpft er im Ersten Weltkrieg für sein Vaterland. 1917 wird er Ortskommandant in Oost-Malle, einer Kleinstadt im besetzten Belgien. Dort leiden Hunderte von französischen Flüchtlingen aus Lille große Not. Meyer hilft: Mehrfach lässt er heimlich Lebensmittel in ein Kloster schaffen, das die Spenden verteilt. Mehr noch: Er bittet seinen Vater um Geld. Dieser schickt ihm 5000 Goldmark, damals ein Vermögen. Er gibt das Geld der Oberin und bittet sie, damit die Flüchtlinge zu versorgen. Die Nonnen nennen ihn „le bon boche“, der gute Deutsche.

Die Pogromnacht 10. November 1938 ist in Hilden besonders schlimm. Hier sterben sieben Menschen, überproportional viele gemessen an der Einwohnerzahl (22.000). Auch Leo Meyer und seine Familie werden Opfer. Leo wird schwer verletzt, sein Vater Nathan stirbt einige Tage später an den Misshandlungen. Anstifter der Mörderbande ist der NS-Ortsgruppenleiter Heinrich Thiele – ein Nachbar. Leo Meyer flieht 1939 nach Belgien und bittet völlig mittellos im Kloster von Oost-Malle um Hilfe. Die Oberin erkennt „le bon boche“ – und hilft. Als die Wehrmacht Belgien überfällt, wird Leo Meyer in dem berüchtigten Lager Gurs in Vichy-Frankreich interniert. Ohne die Lebensmittelpakete von Oberin Beatrix wäre er dort verhungert. Die Französin tut alles, wirklich alles, um ihn dort herauszuholen. 1941 hat sie Erfolg: Leo Meyer erhält „Erholungs-Urlaub“, wird befristet entlassen. Der Bruder der Äbtissin, der Müller Joseph Briquet, nimmt ihn bei sich zu Hause auf. Dort kann sich der deutsche Jude bis Kriegsende verstecken. Obwohl viele in dem kleinen Dorf Antisemiten sind, wird er nicht verraten. 1949 kehrt Meyer nach Hilden zurück, kämpft um Wiedergutmachung. Nazi-Nachbar Thiele hatte sich die fünf Häuser der Meyers samt dem dazu gehörigen Land unter den Nagel gerissen. Gerichte sprechen Thiele frei. Leo Meyer findet keine Gerechtigkeit und stirbt – krank und zermürbt – 1953 mit 58 Jahren: „Die Zeiten, die ich durchgemacht habe, haben mich umgebracht.“

Eine unglaubliche Geschichte – herzzerreißend. Aufgeschrieben hat sie die Hildener Historikerin Dr. Barbara Suchy: nüchtern und ohne moralischen Appell, aber deshalb um so ergreifender. Beim Lesen hat man häufig Tränen in den Augen und einen dicken Kloß im Hals.

Wie es zu dem Buch kam, ist eine zweite Geschichte hinter der Geschichte. Leo Meyer hatte fast alles in seinem Leben verloren. Aber 200 Briefe von seinen Freunden (und einige eigene) hat er aufbewahrt und über die Zeit gerettet. Suchy freundete sich zufällig mit Regine Cohn (Haifa/Düsseldorf), Meyers Tochter, an. Sie vertraute ihr die Briefe ihres Vaters an. Barbara Suchy machte daraus eine „dokumentarische Erzählung“.

Therese Neuhaus bemüht sich schon seit Jahren, einen Stolperstein für Leo Meyer verlegen zu lassen. So wie für seinen Vater Nathan, dessen erste Frau Minna, Leo Meyers Adoptivtochter Hannelore und seine Schwester Klara Wege vor dem Doppelhaus Gerresheimer Straße 189/190. Aber der Arbeitskreis Stolpersteine in Hilden tut sich damit schwer, weil Leo Meyer nicht während des Nationalsozialismus gestorben ist oder ermordet wurde. Der Arbeitskreis  begrüßt aber ausdrücklich „andere Arten des Erinnerns“ – und unterstützt den Bürgerantrag.

So wie auch die Historikerin Dr. Barbara Suchy: „Das Schicksal von Leo Meyer und seiner Familie steht beispielhaft für das, was jüdisches Leben in Hilden ausmachte: die Heimatverbundenheit, die unangefochtene Dazugehörigkeit, die dann mit Beginn der NS-Zeit einsetzende Ausgrenzung, Drangsalierung und Entrechtung bis hin zum brutalstem Pogrom, zu Vertreibung, Deportation und Ermordung.“

Der Stadtrat (oder einer seiner Ausschüsse) müssen sich mit dem Bürgerantrag von Therese Neuhaus befassen und ihn entscheiden. Wann das sein wird, steht aktuell noch nicht fest.