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Hildener Jazztage: „Ich hatte keine Ahnung, aber Lust drauf“

25 Jahre Hildener Jazztage : „Ich hatte keine Ahnung, aber Lust drauf“

Wie Peter Baumgärtner vor 25 Jahren die Hildener Jazztage erfand. Über Promis, Pleiten und bewegende Momente. Gefeiert wird vom 17. bis 22. August Open air im Zelt auf dem Parkplatz von Caesar & Loretz, Auf dem Sand 24-28. Hier sind sieben Fakten über das Festival, die Sie vielleicht noch nicht kennen.

1) 1996 bittet Peter Baumgärtner  die damalige Leiterin des Hildener Kulturamtes, Monika Doerr, um Erlaubnis, ein kleines Konzert geben zu dürfen. Jeder, der mit Peter über Jazz spricht, spürt sofort diese Begeisterung, mit der er für seine Musik brennt, erzählt Uwe Muth, sein Partner in der gemeinsamen Agentur Sensitive Colours: „Monika Doerr hörte aufmerksam zu und fragte ihn dann völlig überraschend: Können Sie sich vorstellen, in Hilden ein Jazzfestival auf die Beine zu stellen?“  Voller Tatendrang verließ Peter Baumgärtner das Kulturamt, sprach mit seiner Frau und seinem Partner in der Agentur. Uwe Muth: „Danach war klar: Wir schaffen das.“ Peter Baumgärtner: „Ich hatte keine Ahnung von einem Festival, aber Lust darauf. Ich hatte Blasen an den Füßen, weil es noch kein Handy gab. Das Programm habe ich auf einer elektrischen Schreibmaschine getippt – Computer gab‘s noch nicht. Und bei der Jazznacht in der Stadthalle habe ich mich vor lauter Aufregung bei der Stadt Düsseldorf bedankt.“ Peter, Hilden hat dir längst verziehen!

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2) Schon bei der Premiere 1996 passiert Unvorhergesehenes: Auf dem alten Markt, wo ein Konzert stattfinden soll, fährt ein Auto gegen ein Wasserstandsrohr - eine riesige Fontäne schießt in den Himmel.  „Ich zog also meine Klamotten aus“, erinnert sich Peter Baumgärtner, „stellte mich in den Wasserstrahl und schloss das Rohr. Wie genau, weiß ich nicht mehr. Aber dass es verdammt kalt war, daran erinnere ich mich genau.“

 Der englische Geiger Nigel Kennedy ist der Punk unter den klassischen Geigenvirtuosen.
Der englische Geiger Nigel Kennedy ist der Punk unter den klassischen Geigenvirtuosen. Foto: Miserius, Uwe (mise)/Miserius, Uwe (umi)

3) 2004 kann Baumgärtner Nigel Kennedy verpflichten. Der Punk unter den klassischen Geigenvirtuosen sei für ihn schlicht „der Killer“ gewesen. Der exzentrische Superstar habe englische Verträge vorgelegt, in denen alles haarklein geregelt war: separates Hotelzimmer und Gardrobe für seine Stradivari, Raumtemperatur 21 Grad Celsius, Luftfeuchtigkeit konstant 55 Prozent. Chauffiert werden müssen Kennedy und Geige mit einem Mercedes der S-Klasse. Am Bühneneingang muss vor dem Auftritt Punkt 19.30 Uhr ein halbes gebratenes Hähnchen für den Maestro bereitstehen. „Der Caterer hat‘s vergessen“, erinnert sich Baumgärtner: „Irgendjemand hatte noch irgendwo einen Gockel herumliegen. Den hat meine Frau Claudia in einer Mikrowelle in den Katakomben der Stadthalle schnell aufgewärmt. Kennedy hat nur kurz dran geknabbert.“ Sushi vom Caterer war für den Stargeiger nicht gut genug, befand sein Stage-Manager Steve Cox – und pochte auf den Vertrag. „Wir mussten Sushi von einem Original Japanese Chef Cook aus dem Hotel Nikko in Düsseldorf besorgen. Kennedy hat 90 Prozent weggeworfen. Für mich ist das einfach nur dekadent.“ Kennedy will seinem Sohn ein Mountain-Bike mitbringen. Hans Michalsky, damals bekannter Fahrrad-Händler in Erkrath, öffnet sein Geschäft für den exzentrischen Star auch an einem Feiertag.

 Billy Cobham: „Wenn ich gewusst hätte, dass der Sound in der Stadthalle so gut ist, hätte ich eine Live-CD aufgenommen.“
Billy Cobham: „Wenn ich gewusst hätte, dass der Sound in der Stadthalle so gut ist, hätte ich eine Live-CD aufgenommen.“ Foto: Miserius, Uwe (mise)/Miserius, Uwe (umi)

4) US-Startrompeter Randy Brecker steht 2005 mit seiner Band auf der Bühne, als plötzlich der Strom ausfällt. „40 Minuten später kam der Caterer und sagte: Ihr müsst etwas unternehmen. Mein Weißwein ist alle“, erinnert sich Baumgärtner: „Da sagt Brecker zu seinen Jungs: Lasst uns rausgehen und spielen – it‘s Titanic! In dem Moment kam glücklicherweise der Strom zurück.“

 „Lasst uns rausgehen und spielen: It´s Titanic“: Randy Brecker war der Top Act bei den Hildener Jazztagen 2005.
„Lasst uns rausgehen und spielen: It´s Titanic“: Randy Brecker war der Top Act bei den Hildener Jazztagen 2005. Foto: Hildener Jazztage

5) Billy Cobham, einer der ganz großen Jazz-Rock-Schlagzeuger, sagt nach dem Konzert: „Wenn ich gewusst hätte, dass der Sound in der Stadthalle so gut ist, hätte ich eine Live-CD aufgenommen.“ Baumgärtner: „Das war für mich der Ritterschlag.“ Zu Cobham kamen sogar Journalisten aus Japan; auf einen Schlag waren die Hildener Jazztage auch im Land der aufgehenden Sonne bekannt.

 Barbara Dennerlein mit der Hammond-Orgel ist ein Star. „Jedes Mal gehe ich durch den Hildener Stadtpark, den ich wunderschön finde.“
Barbara Dennerlein mit der Hammond-Orgel ist ein Star. „Jedes Mal gehe ich durch den Hildener Stadtpark, den ich wunderschön finde.“ Foto: Barbara Dennerlein

6) 2015 zum 20-Jährigen Bestehen freut sich Festival-Erfinder Peter Baumgärtner über gleich zwei Auszeichnungen. Das Land Nordrhein-Westfalen fördert die Hildener Jazztage erstmals mit 25.000 Euro: „Unsere Kulturarbeit wird registriert und honoriert.“ Auch der Westdeutsche Rundfunk entdeckt die Hildener Jazztage. Seitdem überträgt der WDR die Jazz-Nacht in der Stadthalle live auf WDR 3.

 Alita Moses: Im Mai 2016 brachte die Siegerin des Shure Montreux Jazz Voice Wettbewerbs ihr großes Talent erstmals nach Europa – auch zu den Hildener Jazztagen.
Alita Moses: Im Mai 2016 brachte die Siegerin des Shure Montreux Jazz Voice Wettbewerbs ihr großes Talent erstmals nach Europa – auch zu den Hildener Jazztagen. Foto: Hildener Jazztage

7) 2017 lädt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Peter Baumgärtner ins Schloss Bellevue ein. „Ich habe nicht herausgefunden, wem ich diesen wunderbaren Abend zu verdanken habe. Auch meine Frau Claudia fand die Einladung toll und hat sich sofort ein schickes neues Kleid gekauft.“ Die Anreise wird allerdings für beide zur Tortur. Ein Herbststurm legt den Bahnverkehr lahm. „In Duisburg wollten wir in den ICE steigen. Der fiel aus. Mit Regionalzügen ging es nach Dortmund und von da nach Hannover. Und dann mit dem Taxi zu viert nach Berlin, bezahlt von der Deutschen Bahn. Wir waren über zehn Stunden unterwegs.“ Der Empfang in Schloss Bellevue habe sie aber für alles entschädigt, berichtet Peter Baumgärtner.„Super vorbereitet, sehr angenehm und total relaxt“ findet er Steinmeier. Ein Foto mit dem Staatsoberhaupt – nein, das ist dem Drummer denn doch zu peinlich. Peter Baumgärtner und seine Frau Claudia Gayk-Baumgärtner geniesen leckeres Fingerfood, „wunderbare Weine und Champagner“ – und ein tolles Musikprogramm. Doch auch der schönste Empfang geht irgendwann zu Ende. Baumgärtner: „Um 23 Uhr ist Schluss. Dann wird nicht mehr nachgeschenkt.“