1. NRW
  2. Städte
  3. Hilden

Hildener Bergstation setzt auf Crowdfunding

Klettersport : Hildener Bergstation bangt um Existenz

Genau drei Jahre nach dem Start gerät das junge Hildener Unternehmen durch Corona in die Schieflage und setzt auf Crowdfunding.

Im November noch gaben sich Deutschlands Top-Kletterer in der Bergstation an der Bahnhofsallee 35 die Klinke in die Hand. Denn nach 2017 trugen die Sportler zum zweiten Mal nationale Titelkämpfe in Hilden aus – im Lead, einer von drei Klettervarianten. Der Stolz stand Justin Bohn und Marcel Buchmann ins Gesicht geschrieben. Die beiden Geschäftsführer sahen optimistisch in die Zukunft, denn die Popularität der Sportart Klettern nimmt zu. Und mit dem Essener Yannick Flohé trainiert eine Olympiahoffnung regelmäßig in der Hildener Kletterhalle. „Sie ist perfekt geeignet und die einzige Kletterhalle in NRW, in der ich alle drei erforderlichen Disziplinen Speed, Lead und Bouldern trainieren kann“, sagt der 20-Jährige.

Vier Monate später ist der Optimismus der Existenzangst gewichen. Das Coronavirus ist schuld. Seit dem 17. März ruht der Betrieb in der Kletterhalle aufgrund behördlicher Verfügungen, die helfen sollen, die Corona-Pandemie einzudämmen. Für Bohn und Buchmann begann damit genau drei Jahre nach der Eröffnung der Kampf ums wirtschaftliche Überleben. Erst im vergangenen Jahr war das Unternehmen für den NRW-Gründerpreis nominiert, kam ins Finale der zehn besten Bewerbungen. Ein Höhepunkt. Jetzt aber geht es erst einmal bergab. „Wir sind ein junges Unternehmen, haben deshalb keine Rück­lagen“, erklärt Justin Bohn die vertrackte finanzielle Lage und gesteht: „Wir haben ein, zwei Tage gebraucht, um aus dem Schockmodus herauszukommen und zu überlegen, wie wir uns aufstellen können.“

Das Personal musste die Bergstation deutlich reduzieren. „Momentan sind noch unser Dualer Student, ein Routenschreiber und wir beiden Geschäftsführer da“, berichtet Bohn. Für weitere drei Mitarbeiter gibt es Kurzarbeit. Härter trifft es die rund 15 Mini-Jobber, die im Thekenbereich tätig waren und jetzt ebenso wie 14 freiberufliche Trainer ohne Arbeit sind. „Die Unterstützung von Kunden und nahestehenden Personen ist wirklich überwältigend“, berichtet Justin Bohn. So nahmen Thekenmitarbeiter für die letzte Schicht kein Geld mehr, Trainer stellten die letzte Rechnung nicht mehr aus und viele Kunden lassen ihr Abo weiterlaufen. Das allein reicht aber nicht, um die laufenden Verbindlichkeiten zu bedienen. Rund 85.000 Euro benötigen die beiden Jungunternehmer monatlich. Der größte Teil geht in die Begleichung der Kreditzinsen und die Tilgung. Für Löhne und Gehälter sind 25.000 Euro notwendig. Reinigungskosten, Wareneinkauf und Marketing machen den Rest aus.

Liquide bleiben ist das Ziel der nächsten Wochen. Dabei helfen auch staatliche Maßnahmen. So zahlte das Finanzamt einen Teil der Umsatzsteuer zurück. Dazu unterstützen das Land NRW und der Bund. „25.000 Euro sind unterwegs – den Bescheid haben wir schon bekommen“, erzählt Justin Bohn. Private Investoren stunden ihre Zinsforderungen und die Hausbank genehmigte einen Kreditantrag. Gleichwohl sagt Bohn: „Das ist für uns der Super-GAU, dass wir gerade in dieser Phase Schulden aufnehmen und in den nächsten fünf Jahren zurückzahlen müssen, um die alten tilgen zu können.“ Für den Bau der Bergstation war seinerzeit eine Finanzierungssumme von fünf Millionen Euro notwendig, das „harte Eigenkapital“ belief sich auf 250.000 Euro. Innerhalb von zwei Jahren konnte das Unternehmen bislang rund 500.000 Euro tilgen.

Um die Liquidität zu sichern, setzen die Betreiber der Bergstation über ihre Facebook-Seite zudem auf Crowdfunding. Das Projekt startete am 24. März und geht bis zum 31. Mai 2020. Als zu erreichende Summe sind 250.000 Euro gesetzt. „Eine recht unrealistische Obergrenze – aber damit hätten wir die kompletten Betriebskosten abgedeckt“, erläutert Bohn. Viele kleine Beträge sollen helfen, die Bergstation für die Zeit nach Corona am Leben zu halten. Dazu gehören auch die hundert Trainingsboards, die eine Gruppe von Boulderern, die zweimal die Woche in der Bergstation trainieren, in Eigenarbeit mit Hilfe eines Tischlers hergestellt und gespendet hat – interessierte Kletterer, die auch zu Hause üben wollen, können sie nun käuflich über die Homepage erwerben. Mitinitiator war übrigens Jan Hojer, einer der stärksten Kletterer in Deutschland, der das Olympia-Ticket für Tokio in der Tasche hat und im November die Deutsche Meisterschaft im Lead-Klettern gewann – in der Bergstation Hilden.

Justin Bohn und Marcel Buchmann nutzen derweil die unfreiwillige Ruhe in der Bergstation, um alles auf Vordermann zu bringen. Sie schrauben die bestehenden Routen ab, tauschen Griffe aus und reinigen alles. Danach entstehen an den nackten Wänden ganz neue Routen, an denen sich die Kletterer bald auspowern können – falls es nach dem 20. April wieder los geht. „Wir hoffen, dass zumindest unser Außenbereich dann von Beschränkungen unberührt bleibt. Dann können die Leute einfach draußen klettern“, sagt Bohn.