Hilden vor 100 Jahren Jugend soll „gern auf einen Genuß verzichten“

Hilden · Hilden historisch: Vor 100 Jahren gab es bereits die Hildener Zeitung, aus der wir die wichtigsten Themen zusammengefasst haben, um einen Einblick in den Alltag von damals zu erhalten.

 So sah das Titelblatt des Rheinischen Volksblattes, Hildener Zeitung, am 19. September 1923 aus.

So sah das Titelblatt des Rheinischen Volksblattes, Hildener Zeitung, am 19. September 1923 aus.

Foto: Stadtarchiv Hilden

Wie haben die Menschen vor 100 Jahren gelebt? Was hat sie beschäftigt? Um das herauszufinden, haben wir uns das Rheinische Volksblatt, Hildener Zeitung und Tageblatt, vom 19. September 1923 angeschaut.

Während der Ruhrkrise haben die belgischen und französischen Truppen immer wieder Verkehrssperren verhängt, um Sabotageakte beispielsweise an Bahnstrecken zu ahnden. Die Hildener Zeitung berichtet von einer aufgehobenen Sperre. „Infolge der Aufhebung der Verkehrssperre und der Milderung der Kontrolle in Vohwinkel wird ab heute im allgemeinen der bis zum 25.8. bestehende Personenzugsfahrplan Köln-Vohwinkel und darüber hinaus wieder hergestellt.“

Die Inflation ist noch immer nicht auf ihrem Höhepunkt angelangt. Die Hildener Zeitung berichtet in einem Artikel über die erste „Millionen-Briefmarke“, die nun gedruckt worden sei. Weiter unten weisen die Redakteure auf „Billige Speisen in den Bahnhofswirtschaften“ hin. „Die Reichsbahndirektionen sollen scharf darüber wachen, daß die Bahnhofswirtschaften keineswegs teurer als gleichartige Wirtschaften des Ortes sind“, heißt es in einem Erlass des Reichsverkehrsministers. Wirte, die dagegen verstoßen, sollen „unnachsichtlich zur Rechenschaft“ gezogen werden. „Weiter sollen, da heute viele Reisende nicht in der Lage sind, Fleischbeilage zu bezahlen, die Bahnwirte verpflichtet werden, Semmeln oder Brot ohne Beilage abzugeben.“

Der Kölner Kardinal Karl Joseph Schulte ruft im katholischen Anzeiger dazu auf, Kapläne und Kirchenangestellte zu unterstützen. Angesichts der Inflation sei die Kirchensteuer zwar erhöht worden, jedoch reiche das nicht aus, „um die Diener der Kirche auch nur vor dem blassen Hunger zu schützen“. So erwarte er unter anderem „von der erwerbstätigen Jugend, daß sie gern auf einen Genuß verzichtet und durch freudige Spende ihren Dank gegen die Kirche beweist. So lange die furchtbare Teuerung anhält, wird wöchentlich in den Gemeinden eine Sammlung für die Bedürfnisse der Rektoren, Kapläne und Kirchenangestellten abgehalten.“

Der Anzeigenteil der Zeitung ist im Vergleich zu den Monaten vorher deutlich geschrumpft. Das Rheinische Volksblatt hat daher eine Eigenanzeige geschaltet: „Durchhalten und ihre großen Aufgaben in der jetzigen kritischen Zeit erfüllen kann die Zeitung nur dann, wenn Industrie und Handel sie darin durch möglichst regelmäßige Anzeigen-Bestellungen unterstützen.“

(tobi)
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