Förderprogramm Talentscouts bringen Schüler auf den Weg

Hilden/Langenfeld · Schüler der Prisma- und Bettine-von-Arnim-Gesamtschule profitieren vom landesweiten Talentscouting-Programm, das seit 2011 versucht, durch Coachings für Chancengleicheit in der Bildung zu sorgen.

 Chaymae el Hamriui aus Hilden will an der Bettine-von-Arnim-Gesamschule Abi machen und dann ein duales Studium beginnen.

Chaymae el Hamriui aus Hilden will an der Bettine-von-Arnim-Gesamschule Abi machen und dann ein duales Studium beginnen.

Foto: Matzerath, Ralph (rm-)

Eigentlich war es Chaymae Hamriui schon immer klar, dass sie nach ihrer Schullaufbahn studieren würde. „Mir liegt das Lernen irgendwie“, sagt sie. Deswegen wechselte die heute 19-Jährige mit marokkanischen Wurzeln vor knapp drei Jahren von der Hildener Sekundarschule auf die Bettine-von-Arnim-Gesamtschule (BvA) Langenfeld-Hilden, um ihr Abitur zu machen. „Ich bin die Erste in meiner Familie, die Abitur macht“, erzählt die 19-Jährige. Sie habe noch vier Geschwister. Ihre Eltern seien keine Akademiker. Einen Plan, wie sie ihr Studium beginnen würde, hatte sie bis vor kurzem nicht, nur den Wunsch, „etwas in Richtung Jura oder Wirtschaft“ zu studieren.

 Lehrerin Andrea Hutchinson macht die junge Frau auf das Mentorenprogramm aufmerksam und El Hamriui lässt sich einfach darauf ein, ohne recht zu wissen, was sie erwartet. „Vor dem ersten Gespräch 2020, das aufgrund der Pandemie noch online lief, war ich sehr nervös“, erinnert sich die Schülerin. „Aber meine Mentorin war sehr herzlich und offen. Wir haben gleich gemerkt, dass es passt.“ Die 19-Jährige erzählt der Mentorin von ihren Plänen, Wünschen und Hobbys und lässt sie auch ein stückweit in ihr Umfeld schauen. „Wir lernen die Talente kennen und auch ihren privaten Hintergrund, ihre Träume und Ziele im Leben um sie besser einschätzen und eine passgenaue Beratung anbieten zu können“, erklärt Senta Winterberg. Die 34-Jährige ist Mentorin des Talentscouting-Programms an der Bettine-von-Arnim-Gesamtschule und betreut dort derzeit sieben Schülerinnen und Schüler. Viele würden gerne Medizin, Psychologie, Lehramt oder Jura studieren, weiß Winterberg. „Meistens, weil sie mehr als diese Berufe auch nicht kennen“, sagt die Mentorin wertungsfrei.

Ihre Aufgabe sei es dann, im Hinblick auf die individuellen Talente ihrer Schützlinge den passenden Werdegang zu finden. Nicht immer, betont Winterberg, müsse es dabei auf ein Studium hinauslaufen. „Einige merken dabei auch, dass sie lieber eine Ausbildung machen wollen oder ein duales Studium.“

So auch Chaymae El Hamriui, die sich durch das Coaching nun für ein duales Studium als Wirtschaftsprüferin entschieden und sich auch schon vor ihrem Abschluss in diesem Sommer eine Ausbildungsstelle gesichert hat. „Durch die individuelle Beratung habe ich viel besser meine Stärken kennengelernt. Mir ist klar geworden, dass ich gerne praktisch arbeite und dass deswegen ein duales Studium besser zu mir passen würde. Das Programm hat mich sehr positiv bereichert“, schwärmt die 19-Jährige.

Das Coaching ist zeitlich unbegrenzt. Im Schnitt begleiten die Mentoren die ausgewählten Talente während der gesamten Oberstufe und darüber hinaus noch ein Stück während  Ausbildung oder  Studium, erklärt Talentcoach Zerrin Kücük. Sie betreut derzeit sieben Schüler der Prisma-Schule, hilft ihnen dabei, sich beruflich zu orientieren und ihr Potenzial auszuschöpfen. „Im Programm haben wir nicht unbedingt nur Einser-Schüler oder nur Schüler mit Migrationshintergrund“, stellt die 37-Jährige klar. Vielmehr würden die Talente aufgrund ihrer „Leistungen im Kontext“ ausgesucht, erklärt Winterberg. „Es geht darum, die Schulnoten auch in Bezug mit den Lebensumständen der Schüler zu bringen.“

Ein Zweier-Notendurchschnitt habe viel mehr Wert, wenn der Jugendliche noch mehrere Geschwister habe, auf die er aufpassen muss, zusätzlich noch einen Nebenjob nachgeht und den Eltern hilft. Allerdings würden schwerpunktmäßig Schüler mit Potenzial aus Familien ohne akademischen Hintergrund ausgewählt, erklärt Kücük. „Wir beraten völlig ergebnisoffen. Uns geht es nicht darum, Schüler für die Unis zu gewinnen, sondern jedem einzelnen dabei zu helfen, den richtigen Weg für sich zu finden.“ Und auf das Leben nach der Schule vorzubereiten. Häufig gehe es auch darum, wo man was studieren kann, welche Möglichkeiten der Finanzierung es gibt oder welche Wohnformen. „Einigen ist nicht mal klar, dass es in den Studienorten Studentenwohnheime gibt“, zählt Kücük als Beispiel auf.

In der Regel schlagen die so genannten StuBos der Schulen, also die Koordinatoren für die Berufliche Orientierung, die Schüler für das Programm vor, wie etwa Andrea Hutchinson für die BvA oder Martina Pilic für die Prisma-Schule. „Das ist ein super Programm, das den Schülern ganz viel gibt. Sie werden selbstbewusster und selbstständiger durch das Coaching“, hat Pädagogin Hutchinson festgestellt. „Unsere Schülerinnen und Schüler sind nicht heterogener als an anderen Schulen, aber im Hinblick auf die Tatsache, dass viele aus Haushalten kommen, die keinen akademischen Background haben, ist das Talentscouting ein Segen“, sagt auch Pilic. „Ich persönlich bin ein großer Fan des Talentscoutings, da wir mit Frau Kücük einen  freundlichen und offenen Kontakt haben, an den sich die Schülerinnen und Schüler auf kürzestem Weg melden können.“

Auch während Corona, betont Pilic hätten die Mentoren den Schülern sehr viel Orientierung und Unterstützungsmöglichkeiten gegeben. „Das Studium stellt für sie kein unerreichbares Ziel mehr dar.“

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